15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) (12-07-2026)
Der Sämann hat ein Streuproblem
EVANGELIUM (Mt 13,1-13)
An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre! Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du ihnen in Gleichnissen? Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Mann im heutigen Evangelium hat ein Problem. Er kann nicht zielen. Er wirft die Körner auf den Weg. Auf die Steine. Mitten in die Dornen. Und irgendwann trifft er dann auch mal guten Boden. Ganz ehrlich: Wenn das mein Mitarbeiter wäre, würde ich irgendwann sagen: „Komm … gib mir mal den Sack. Ich mach das selbst.“ Denn so geht man doch nicht mit wertvollem Saatgut um. Man schaut vorher. Man prüft. Man überlegt: Wo lohnt sich der Einsatz? Das können wir gut.0
Neulich beim Bäcker.
Jemandem fällt Kleingeld herunter. Ein paar Münzen rollen über den Boden. Drei Leute schauen hin. Zwei schauen wieder weg. Einer bückt sich. Keine große Geschichte. Und trotzdem musste ich später daran denken. Wie oft schauen wir hin – und dann wieder weg?
Nicht nur bei Kleingeld.
Wir merken doch, wenn jemand plötzlich stiller wird. Wir spüren, wenn ein Kollege irgendwie neben der Spur ist. Wir wissen ziemlich genau, wen wir schon lange mal anrufen wollten. Und manchmal wäre es so einfach. Eine Nachricht. Ein Satz. Fünf Minuten Zeit. Aber dann kommt dieser furchtbar vernünftige Gedanke: Was bringt das schon?
Der Sämann im Evangelium fragt das nicht. Er sät. Auch da, wo wir längst sagen würden: Kannste vergessen. Und vielleicht ist genau das Gottes Streuproblem. Gott geht mit seiner Hoffnung ziemlich verschwenderisch um. Petrus bekommt sie – obwohl er Jesus verleugnet. Paulus bekommt sie – obwohl seine Vergangenheit nun wirklich keine Empfehlung war. Die Zweifler bekommen sie. Die Wegläufer. Die, die mit Kirche nichts mehr anfangen können. Und – erstaunlicherweise – sogar wir. Gott schaut offenbar nicht zuerst: Lohnt sich das bei dem überhaupt noch?
Er sät.
Wir dagegen sind ziemlich gut im Vorsortieren. Der hört sowieso nicht zu. Die ändert sich nie. Mit dem bin ich durch. Da melde ich mich nicht mehr. Und auch wir in der Kirche können das hervorragend. Wir zählen. Wir analysieren. Wir entwickeln Konzepte. Wir untersuchen Milieus. Wir gründen Arbeitsgruppen. Und manchmal denke ich: Vielleicht würde der Sämann irgendwann mitten in unsere Sitzung platzen und sagen: „Seid ihr jetzt fertig mit Analysieren? Ich müsste nämlich langsam mal säen.“
Vielleicht heißt Christsein viel öfter: ein Streuproblem haben.
Mit Freundlichkeit. Mit Hoffnung. Mit Zeit. Mit einem guten Wort. Und zwar nicht nur bei den Menschen, bei denen garantiert etwas zurückkommt. Denn wir wissen es doch nicht. Wir wissen nicht, welcher Satz bei einem Menschen hängen bleibt. Welcher Anruf genau im richtigen Moment kommt. Welche kleine Geste jemanden durch einen richtig beschissenen Tag trägt. Entschuldigen Sie. Aber es gibt Tage, da trifft es dieses Wort einfach am besten.
Jesus sagt übrigens nicht, dass jedes Korn aufgeht. Manches geht verloren. Manches vertrocknet. Manches wird überwuchert. So ist das Leben. Aber anderes wächst. Und wie! Dreißigfach. Sechzigfach. Hundertfach. Darum vielleicht morgen früh einmal nicht nur die übliche Frage: Was muss ich heute alles schaffen? Sondern: Wo kann ich heute ein bisschen Hoffnung verstreuen?
Ein Wort. Eine Nachricht. Fünf Minuten. Und wenn dabei etwas daneben geht?
Dann haben wir vielleicht einfach … ein kleines Streuproblem.
Und sind dem Sämann aus dem Evangelium näher, als wir denken.
Ich wünsche Ihnen Gottes Segen dazu.
Bernd Michael Pawellek