14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) (04-07-2026)
Dann geh doch zu Jesus…
EVANGELIUM (Mt 11,25-30)
In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.
„Dann geh doch zu Netto.“ „Gut und günstig.“ „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ „Ich bin doch nicht blöd.“ Wir kennen diese Sätze. Werbeslogans, die hängen bleiben. Kurz, frech, einprägsam. Sie wollen uns locken.
Komm herein. Greif zu. Kauf das. Du brauchst das. Dann wird dein Leben leichter, schöner und besser. Wir leben in einer Welt voller Lockrufe. Sonderangebote locken. Urlaubsreisen locken.
Erfolg und Anerkennung locken. Das Smartphone lockt: Schau noch einmal nach. Vielleicht gibt es eine neue Nachricht. Vielleicht hast du etwas verpasst. Und mitten in dieses Stimmengewirr hinein hören wir heute einen ganz anderen Lockruf: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig
und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen.“
Man könnte fast sagen: Dann geh doch zu Jesus. Nicht besonders feierlich. Aber ziemlich treffend. Denn Jesus sagt nicht: Strengt euch noch mehr an. Reißt euch zusammen. Werdet endlich bessere Menschen. Glaubt stärker. Betet mehr. Macht weniger Fehler. Er sagt: Kommt zu mir. Kein Befehl. Keine Drohung. Keine neue Aufgabe. Eine Einladung.
Eine Welt unter Druck
Diesen Ruf können wir gebrauchen. Wir sehen die Bilder aus den Kriegsgebieten: zerstörte Häuser, fliehende Familien, verletzte Kinder, Menschen ohne Hoffnung auf ein Morgen. Nach dem Erdbeben in Venezuela stehen Menschen vor den Trümmern ihres Lebens. Häuser sind zerstört, Familien trauern, Helfer suchen nach Vermissten. Auch bei uns wächst die Unsicherheit. Die Reformpläne der Regierung betreffen Arbeit, Rente, Gesundheit, Pflege und soziale Sicherheit. Die einen hoffen auf Entlastung, die anderen fürchten neue Belastungen. Und auch die Kirche kommt nicht zur Ruhe. Die schismatischen Bischofsweihen der Piusbruderschaft vertiefen die Spaltung. Wieder geht es um Macht, Gehorsam, Tradition und um den Anspruch, allein auf der richtigen Seite zu stehen. Man kann über all das lange diskutieren. Doch unter vielen Debatten liegt ein gemeinsames Gefühl:
Wir sind müde.
Müde von Kriegen und Krisen. Müde von Reformen und Gegensätzen. Müde von kirchlichen Grabenkämpfen. Müde von Menschen, die immer schon genau wissen, wer recht hat und wer falschliegt. Jesus ruft uns nicht in ein politisches oder kirchliches Lager. Er sagt: „Kommt alle zu mir.“ Damit wird das Evangelium persönlich. Jesus spricht nicht nur zu Menschen in Kriegs- und Katastrophengebieten. Er spricht nicht nur zu Verantwortlichen in Politik und Kirche.
Er spricht zu mir. Was lastet auf mir?
Vielleicht die Sorge um einen Menschen. Vielleicht eine Krankheit. Vielleicht ein Konflikt, der nicht zur Ruhe kommt. Vielleicht die Angst vor dem Älterwerden. Vielleicht die Frage, ob das Geld reicht. Vielleicht ein Fehler, den ich mir selbst noch immer nicht vergeben kann. Vielleicht eine Enttäuschung, über die ich mit niemandem spreche. Viele Lasten sieht man nicht. Ein Mensch kann freundlich lächeln, zuverlässig seine Aufgaben erfüllen und innerlich trotzdem erschöpft sein. Manche tragen einen unsichtbaren Rucksack voller Sorgen, Verletzungen, Schuldgefühle und unerfüllter Sehnsüchte.
Genau zu ihnen sagt Jesus: „Kommt zu mir.“ Nicht erst, wenn ihr euer Leben im Griff habt. Nicht erst, wenn euer Glaube wieder stark ist. Nicht erst, wenn ihr fromm, ordentlich und fehlerfrei seid. Sondern jetzt. So, wie ihr seid. Mit allem, was euch belastet. Vielleicht sind wir nicht nur vom Leben müde. Vielleicht sind wir auch im Glauben müde geworden. Wir haben viele Gottesdienste gefeiert, Predigten gehört, Sitzungen erlebt und Zukunftsprozesse begleitet. Trotzdem werden die Gemeinden kleiner. Menschen verlassen die Kirche. Ehrenamtliche ziehen sich zurück. Vertraute Formen brechen weg. Manche versuchen, mit immer neuen Konzepten zu retten, was noch zu retten ist. och Jesus sagt nicht: Rettet endlich meine Kirche. Er sagt: Kommt zu mir. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Kirche lebt nicht zuerst von Strukturpapieren, Immobilienkonzepten und Sitzungen. Sie lebt davon, dass Menschen Christus begegnen. Dass sie bei ihm zur Ruhe kommen. Dass sie sich von ihm neu aufrichten lassen. Vielleicht braucht unsere Kirche weniger Angst vor dem Untergang und mehr Vertrauen auf Christus. Weniger Rechthaberei und mehr Hören. Weniger Geschäftigkeit und mehr geistliche Tiefe. Weniger Selbsterhaltung und mehr Evangelium.
Jesus verspricht allerdings nicht, dass alle Probleme verschwinden. Er sagt nicht: Wer zu mir kommt, wird nicht mehr krank. Wer mir vertraut, erlebt keine Konflikte. Wer glaubt, bleibt von Krisen verschont. Er spricht sogar von einem Joch: „Nehmt mein Joch auf euch.“ Das klingt zunächst wenig verlockend. Doch ein Joch hilft, eine Last zu tragen. Es verteilt das Gewicht. Und es verbindet zwei miteinander. Jesus sagt damit: Du musst deine Last nicht allein tragen. Ich gehe mit dir darunter. Das ist sein Geschenk. Nicht jede Last wird sofort leichter. Aber sie liegt nicht mehr nur auf meinen Schultern. Nicht jede Angst verschwindet. Aber ich bin in meiner Angst nicht allein. Nicht jede Frage wird beantwortet. Aber ich darf mit meiner offenen Frage zu Christus kommen. Glaube bedeutet nicht, keine Lasten zu haben. Glaube bedeutet: Ich muss sie nicht allein tragen.
Warum fällt es uns trotzdem so schwer, Jesu Einladung anzunehmen? Vielleicht weil wir funktionieren wollen. Vielleicht weil wir niemandem zur Last fallen möchten – nicht einmal Gott. Vielleicht weil wir denken, andere hätten es schwerer. Vielleicht weil wir meinen, zuerst besser glauben zu müssen. Oder weil wir diesen Satz schon so oft gehört haben, dass er uns kaum noch berührt. Stellen wir uns vor, Jesus stünde jetzt wirklich vor uns. Nicht als Statue. Nicht als Gedanke. Nicht als Figur aus einer alten Geschichte. Sondern lebendig. Er sieht uns an und sagt: Komm. Du musst dich nicht erklären. Du darfst einfach kommen. Wie reagieren wir? Gehen wir? Oder sagen wir: Später vielleicht. Jetzt passt es gerade nicht. Ich komme schon allein zurecht. Wir lassen uns von so vielem locken. Von Angeboten. Von Nachrichten. Von Erwartungen. Von Angst. Von der Hoffnung, irgendwo müsse es doch noch mehr geben. Vielleicht sollten wir uns wieder von Jesus locken lassen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Angst. Sondern weil da einer ist, der uns kennt und uns trotzdem ruft. Einer, der uns nicht noch mehr auflädt. Einer, der uns nicht bewertet. Einer, der sagt: „Ich will euch Ruhe verschaffen.“
Die Einladung nicht ausschlagen
Diese Einladung verändert nicht sofort die Weltlage. Sie beendet keinen Krieg. Sie baut keine zerstörten Häuser wieder auf. Sie löst nicht alle politischen Konflikte. Sie heilt nicht auf der Stelle die Spaltungen der Kirche. Aber sie kann etwas in uns verändern. Wir müssen unsere Lasten nicht länger verstecken. Wir dürfen sie Christus hinhalten und sagen: Herr, hier bin ich. Das ist meine Müdigkeit. Das ist meine Angst. Das ist mein Ärger. Das ist meine Enttäuschung.
Das ist meine Sehnsucht. Ich kann es nicht allein. Und vielleicht hören wir dann: Du musst es auch nicht allein können.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Werbung sagt: Kauf mich. Probier mich. Du brauchst mich. Dann wird alles gut. Jesus sagt:Komm zu mir. Vielleicht ist das der ehrlichste Lockruf, den es gibt. Kein Sonderangebot. Kein Werbetrick. Kein falsches Versprechen. Sondern ein Geschenk. Schlagen wir diese Einladung nicht aus. Oder ganz einfach gesagt: Dann geh doch zu Jesus.
Der liebe Gott segne Sie,
Bernd Michael Pawellek