Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 23. Sonntag im Jahreskreis (06.09.2026) von Bernd Michael Pawellek.

23. Sonntag im Jahreskreis

Zwei oder drei reichen?

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
(Mt 18,15-20)

Liebe Schwestern und Brüder,

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Früher klang dieser Satz für mich irgendwie gemütlich. Kleine Runde. Kerze auf dem Tisch. Ein bisschen beten. Ein bisschen Gemeinschaft. Heute höre ich ihn anders. Denn heute drängt sich fast automatisch die Frage auf: Sind bald tatsächlich nur noch zwei oder drei übrig?

Die Kirchen werden leerer. Die Mitgliederzahlen sinken. Menschen treten aus. Priester werden weniger. Hauptamtliche werden weniger. Geld wird knapper. Dafür werden die Wörter größer: Transformationsprozess. Immobilienprozess. Seelsorgeräume. Pastorale Neuausrichtung. Strukturveränderung.

Manchmal denke ich: Wenn schon die Zahl der Leute kleiner wird, müssen wenigstens die Begriffe größer werden. Und irgendwann steht diese Frage im Raum: Wo soll das alles eigentlich hinführen? Oder etwas frecher: Lösen wir uns jetzt langsam selber auf? Wir müssen uns nichts vormachen Die Krise ist ja nicht vom Himmel gefallen. Corona hat Spuren hinterlassen. Menschen, die vorher selbstverständlich kamen, sind nicht zurückgekehrt. Und dann die Missbrauchsfälle. Nicht nur die Taten selbst. Auch das Versagen von Verantwortlichen. Vertuschung. Sprachlosigkeit. Machtmissbrauch. Verlorenes Vertrauen.

Da kann Kirche nicht einfach sagen: Die Menschen interessieren sich heute eben weniger für Glauben. So billig kommen wir nicht davon. Kirche hat selbst Vertrauen verspielt. Und wenn Menschen sagen: „Mit diesem Laden will ich nichts mehr zu tun haben“, dann müssen wir das aushalten. Vielleicht sogar erst einmal zuhören. Und dann dieses Evangelium Interessant ist: Der berühmte Satz von den zwei oder drei steht ja gar nicht in einem Kuschelevangelium. Ganz im Gegenteil. Jesus spricht vorher von Konflikten. Von Schuld. Von Verletzungen. Von schwierigen Beziehungen. „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Das klingt zunächst ziemlich hart. Fast wie eine kleine kirchliche Verfahrensordnung. Erstes Gespräch. Dann zwei Zeugen. Dann die Gemeinde. Und wenn nichts hilft: „Dann sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner.“ Ganz ehrlich: Das ist kein Text, bei dem ich sofort denke: Herrlich, Versöhnung! Denn Menschen zur Rede stellen, Konflikte offenlegen, andere gewissermaßen einordnen – das kann auch schwierig sein. Und manchmal ist es sogar notwendig, Abstand zu halten. Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen. Nicht jede Verletzung lässt sich einfach wegreden. Nicht jedes Gespräch ist zu jedem Zeitpunkt möglich. Christlicher Glaube bedeutet nicht: Du musst alles schlucken. Und er bedeutet auch nicht: Du musst dich mit jedem um jeden Preis versöhnen. Manchmal braucht es Grenzen. Manchmal braucht es Abstand. Manchmal ist genau das ehrlich. Aber Jesus schreibt niemanden ab Und dann wird dieser Satz interessant: „Sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner.“

Denn wie geht Jesus eigentlich mit Heiden und Zöllnern um? Er meidet sie nicht. Er isst mit ihnen. Er redet mit ihnen. Er sucht sie. Matthäus selbst war Zöllner. Also heißt dieser Satz vielleicht gerade nicht: Schreib den Menschen ab. Sondern: Die Beziehung hat sich verändert. Es gibt eine Grenze. Aber dieser Mensch fällt nicht aus Gottes Blick. Vielleicht ist genau das die schwierige Kunst christlicher Gemeinschaft: Grenzen ziehen, ohne Menschen abzuschreiben.

Klar sein, ohne hart zu werden. Verletzt sein dürfen, ohne den anderen innerlich auszulöschen. Das ist schwer. Aber vielleicht beginnt genau dort Versöhnung. Nicht unbedingt damit, dass hinterher wieder alles schön ist. Sondern damit, dass ich den anderen nicht endgültig auf seine Schuld reduziere. Und genau dort sagt Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Nicht: Wo alles harmonisch ist. Nicht: Wo es keine Konflikte gibt. Nicht: Wo alle derselben Meinung sind. Nicht: Wo keiner verletzt wurde. Sondern: mitten hinein in die schwierige Gemeinschaft. Das verändert diesen Satz völlig. „Wo zwei oder drei …“ Das ist kein romantischer Gemeindespruch. Das ist ein Versprechen für schwierige Zeiten. Für kleine Gemeinden. Für zerstrittene Gemeinden. Für verunsicherte Gemeinden. Für Menschen, die nicht wissen, wie es weitergeht. Für eine Kirche im Umbruch. Vielleicht ist das unsere eigentliche Situation. Denn auch unsere Transformationsprozesse sind ja nicht nur Organisationsfragen.

Es geht nicht nur darum: Welche Kirche bleibt? Welches Pfarrheim bleibt? Wo ist künftig das Büro? Welche Gemeinde gehört wohin? Wer übernimmt was? Was sind wichtige Fragen. Aber das Entscheidende kommt danach. Denn wir können Gebäude zusammenlegen. Wir können Pfarreien neu ordnen. Wir können Gremien neu strukturieren. Wir können ganze Seelsorgeräume zeichnen. Aber dadurch entsteht noch keine neue Kirche. Die eigentliche Frage lautet: Wie gehen wir miteinander um, wenn sich alles verändert? Wenn einer sagt: Meine Kirche darf nicht geschlossen werden. Und der andere sagt: Wir können uns das längst nicht mehr leisten. Wenn einer sagt: Früher war alles besser. Und der andere sagt: Früher möchte ich auf keinen Fall zurück. Wenn der eine Angst vor Veränderung hat. Und der andere Veränderung gar nicht schnell genug haben kann.

Genau dort entscheidet sich Kirche. Nicht auf Organigrammen. Sondern im Umgang miteinander. Vielleicht löst sich Kirche gar nicht auf.
Vielleicht löst sie sich gerade aus etwas. Aus einer Zeit, in der fast jeder selbstverständlich zur Kirche gehörte. Aus Strukturen, die jahrzehntelang getragen haben. Aus einer Vorstellung, dass überall alles bleiben muss. Aus einem kirchlichen Selbstverständnis, das lange funktioniert hat. Aber diese Zeit kommt nicht zurück. Und vielleicht ist das auch gar nicht die entscheidende Katastrophe. Denn Jesus sagt nicht: Bewahrt alles, wie es war. Er sagt: Ich bin mitten unter euch. Das ist die eigentliche Verheißung für die kommenden Jahre. Nicht: Es bleibt alles. Sondern: Ich bleibe. Das ist ein großer Unterschied.  Gebäude können verschwinden. Strukturen können sich verändern. Gemeinden können kleiner werden. Vertrautes kann verloren gehen. Aber Christus hängt nicht am Grundbuch. Er wohnt nicht zuerst in Quadratmetern. Er hängt nicht an Sitzplatzkapazitäten.

Er fragt nicht: Wie groß ist eure Kirche? Sondern: Lebt ihr aus meinem Geist? Wo Menschen einander tragen. Wo einem Trauernden zugehört wird. Wo ein Kind hört: Du bist von Gott geliebt. Wo jemand nicht beschämt wird. Wo Schwache geschützt werden. Wo Schuld benannt werden darf. Wo Grenzen respektiert werden. Wo Menschen nicht vorschnell abgeschrieben werden. Wo Hoffnung stärker ist als Resignation. Da ist Kirche. Vielleicht in einer großen Kirche. Vielleicht in einem Gemeindehaus. Vielleicht im Wohnzimmer. Vielleicht im Pflegeheim. Vielleicht am  Krankenbett. Vielleicht bei fünf Jugendlichen. Vielleicht bei zwei oder drei. Aber Vorsicht

„Wo zwei oder drei versammelt sind“ heißt nicht: Hauptsache, wir sind noch ein kleiner Rest und finden uns selbst toll. Jesus sagt ausdrücklich: „in meinem Namen“. Das ist der Knackpunkt. Nicht: Wo zwei oder drei über die anderen schimpfen. Nicht: Wo zwei oder drei nur retten wollen, was immer schon war. Nicht: Wo zwei oder drei sich gegenseitig bestätigen. Sondern: In meinem Namen. Also: in meinem Geist. Mit meiner Barmherzigkeit. Mit meiner Wahrheit. Mit meiner Geduld. Mit meinem Blick auf die Menschen. Mit meiner Vorliebe für die, die andere längst abgeschrieben haben. Das wäre dann tatsächlich ein Transformationsprozess.

Nicht nur: Aus sieben Pfarrgemeinden wird eine. Sondern: Aus einer Kirche, die vor allem sich selbst erhalten will, wird wieder eine Kirche, die Christus sichtbar macht. Das wäre Transformation. Und deshalb vielleicht die entscheidende Frage. Ich glaube schon: Unsere Kirche wird kleiner werden. Wir werden Abschied nehmen müssen. Von Gebäuden. Von Gewohnheiten. Von Selbstverständlichkeiten. Vielleicht auch von einigem Größenwahn. Das tut weh. Aber kleiner bedeutet nicht automatisch bedeutungsloser.

Eine Kerze ist klein. Und trotzdem verändert sie einen dunklen Raum. Ein Samenkorn ist winzig. Und trotzdem steckt ein Baum darin. Ein bisschen Sauerteig reicht für einen ganzen Teig. Und zwei oder drei Menschen reichen Jesus offenbar, um zu sagen: Hier bin ich. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen: Wie viel bleibt uns noch? Und stärker fragen: Was strahlt von uns noch aus?

Spüren Menschen bei uns noch etwas von Christus? Von Hoffnung? Von Barmherzigkeit? Von Wahrhaftigkeit? Von Trost? Von Mut? Dann ist Kirche nicht am Ende. Dann ist sie vielleicht gerade dabei, neu anzufangen. Nicht weil alles bleibt. Sondern weil einer bleibt. Christus.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Vielleicht ist das kein Trostspruch für eine schrumpfende Kirche. Vielleicht ist es eine Kampfansage gegen unsere Angst. Denn Jesus hat nicht versprochen: Alles bleibt, wie es ist. Er hat versprochen: Ich bleibe bei euch. Und auf dieses Versprechen kann man Zukunft bauen.

Gott segne Sie.
Bernd Michael Pawellek