26. Sonntag im Jahreskreis
Ja sagen reicht nicht
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt. (Mt 21,28ff.)
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt ein kleines Wort, das erstaunlich wenig wert sein kann. Ja.
„Ja, mache ich.“ „Ja, kümmere ich mich.“ „Ja, natürlich.“ „Ja, da müssen wir unbedingt etwas tun.“
Und manchmal ist dieses Ja schon fast das Ende der Sache. Man nickt. Man stimmt zu. Man findet etwas richtig. Und dann passiert: nichts. Genau davon erzählt Jesus heute.
Ein Vater hat zwei Söhne. Zu beiden sagt er: „Geh heute in meinen Weinberg.“ Der erste sagt: „Nein. Ich will nicht.“ Nicht besonders höflich. Nicht besonders vorbildlich. Aber später denkt er noch einmal darüber nach. Und er geht. Der andere sagt: „Ja, Herr.“ Das klingt ganz anders. Respektvoll. Bereitwillig. Fast ein bisschen fromm. Nur: Er geht nicht. Und Jesus fragt: Wer von beiden hat getan, was der Vater wollte? Eigentlich eine kinderleichte Frage. Und doch kann sie ziemlich unangenehm werden. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um zwei Söhne vor zweitausend Jahren.
Plötzlich geht es um uns. Um unser Ja. Und um die Frage: Wie viel von unserem Ja ist eigentlich nur ein schönes Wort? Wir sagen: „Bei uns ist jeder willkommen.“ Ein wunderbarer Satz. Er steht in unseren Gemeindebrief, auf unseren Internetseiten, manchmal sogar an unseren Kirchentüren. Aber dann kommt wirklich jemand. Jemand, der unsere Abläufe nicht kennt. Der an der falschen Stelle aufsteht. Der zu spät kommt. Der laut fragt. Dessen Kind während des Gottesdienstes nicht stillsitzt. Der nicht weiß, wann man sitzt, wann man steht, wann man kniet. Und plötzlich zeigt sich, wie belastbar unser Willkommen wirklich ist. Sind wir froh: Schön, dass du da bist? Oder denken wir insgeheim: Schön, dass du da bist – aber könntest du bitte möglichst schnell so werden wie wir? Das eine ist Willkommen. Das andere ist Anpassung mit freundlichem Gesicht. Oder wir sagen: „Kirche muss sich verändern.“ Dieser Satz bekommt fast immer Zustimmung. Kirche muss moderner werden. Offener. Beweglicher. Mutiger. Neue Wege gehen. Ja. Unbedingt. Bis sich tatsächlich etwas verändert. Dann wird es spannend. Kirche muss sich verändern – aber der Gottesdienst bitte nicht. Die Uhrzeit bitte nicht. Mein Lieblingslied bitte nicht. Die Sitzordnung nicht. Die Aufgabenverteilung nicht. Und die Tradition, an der ich seit dreißig Jahren hänge, schon gar nicht. Veränderung – ja. Aber möglichst so, dass für mich alles bleibt, wie es ist. Vielleicht lächelt Gott manchmal ein wenig darüber. Weil wir um den Heiligen Geist bitten – und gleichzeitig hoffen, dass er bitte nichts durcheinanderbringt. Wir sagen: „Wir müssen jungen Menschen mehr zutrauen.“ Auch das ist schnell gesagt. Bis junge Menschen tatsächlich etwas übernehmen. Und es anders machen. Mit anderer Musik. Mit einer anderen Sprache. Mit Ideen, auf die wir selbst nie gekommen wären. Und spätestens wenn der Satz fällt: „Das haben wir aber noch nie so gemacht“, wissen wir: Jetzt sind wir mitten im Evangelium. Jetzt entscheidet sich, ob unser Ja wirklich Beine bekommt. Oder: „Jeder Mensch verdient eine zweite Chance.“ Auch ein schöner Satz. Solange es um Menschen geht, die wir nicht kennen. Schwieriger wird es, wenn jemand uns selbst enttäuscht hat. Wenn jemand eine Aufgabe nicht geschafft hat. Wenn jemand eine falsche Entscheidung getroffen hat. Wenn jemand Vertrauen verspielt hat. Dann wird aus „Jeder verdient eine zweite Chance“ manchmal erstaunlich schnell: „Ich habe doch gleich gewusst, dass das mit dem nichts wird.“ Wir sind manchmal großzügig mit zweiten Chancen. Theoretisch. vielleicht ist genau das der zweite Sohn im Evangelium. Er sagt das Richtige. „Ja, Herr.“ An seinen Worten ist nichts auszusetzen. Das Problem ist nur: Seine Füße bewegen sich nicht.
Und vielleicht hält Jesus uns heute genau diesen Spiegel vor. Nicht um uns kleinzumachen. Nicht um uns ein schlechtes Gewissen einzureden. Sondern weil Glaube sonst sehr bequem werden kann. Man kann wunderbar über Nächstenliebe reden und trotzdem niemanden wirklich an sich heranlassen. Man kann von Barmherzigkeit sprechen und einen Menschen jahrelang auf einen Fehler festlegen. Man kann für Frieden beten und anschließend genüsslich weitererzählen, was der andere wieder falsch gemacht hat. Man kann singen: „Wo Menschen sich vergessen …“ und gleichzeitig ziemlich genau darauf achten, wer dazugehört und wer eher nicht. Das ist das gefährliche Ja. Ein Ja, das wunderbar klingt, aber nichts bewegt. Und dann ist da der andere Sohn. Und ehrlich gesagt: Der gefällt mir. Nicht wegen seines Neins. Das ist nicht besonders toll. Er sagt: „Ich will nicht.“ Vielleicht war er trotzig. Vielleicht verletzt. Vielleicht müde. Vielleicht hatte er einfach keine Lust. Solche Tage gibt es. Solche Sätze kennen wir. „Das mache ich nicht mehr.“ „Mit dem rede ich nie wieder.“ „Da engagiere ich mich nicht mehr.“ „Das bringt doch sowieso nichts.“ Manchmal sagen wir solche Sätze sehr schnell. Und manchmal schleppen wir sie jahrelang mit uns herum.
Aber dann steht im Evangelium dieser kleine Satz: „Später reute es ihn.“ Später. Das finde ich wunderbar. Denn dieses kleine Wort öffnet eine Tür. Später. Das heißt: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ein Nein muss nicht für immer ein Nein bleiben. Eine falsche Entscheidung muss nicht die letzte Entscheidung sein. Ein Urteil über einen Menschen muss nicht ein Leben lang gelten. Ein Streit muss nicht auf ewig festgeschrieben sein. Ein Satz, den ich einmal gesagt habe, muss nicht mein letzter Satz sein. Der Sohn denkt noch einmal nach. Und dann tut er etwas, was uns Menschen manchmal unglaublich schwerfällt: Er korrigiert sich. Er sagt nicht: „Jetzt habe ich Nein gesagt, jetzt muss ich wenigstens konsequent bleiben.“ Er denkt nicht: „Was sollen denn die Leute sagen, wenn ich plötzlich meine Meinung ändere?“ Er geht. Ganz einfach. Er ändert seine Richtung.
Und darin steckt für mich eine der schönsten Botschaften dieses Evangeliums: Bei Gott müssen wir nicht konsequent falsch bleiben. Wir dürfen umkehren. Wir dürfen neu denken. Wir dürfen sagen: „Ich habe noch einmal darüber nachgedacht.“ Was für ein kostbarer Satz. Wir dürfen sagen: „Vielleicht habe ich diesen Menschen falsch beurteilt.“ Wir dürfen sagen: „Das war früher gut und richtig. Aber heute brauchen wir etwas anderes.“ Und wir dürfen sogar diese vier Worte sagen, die uns oft erstaunlich schwerfallen: „Ich habe mich geirrt.“ Was für ein starker Satz. Nicht schwach. Stark. Denn nur ein Mensch, der nicht ständig sein eigenes Denkmal verteidigen muss, kann so etwas sagen. Ich habe mich geirrt. Und deshalb mache ich es jetzt anders. Vielleicht ist das manchmal viel christlicher als hundert schnelle: „Ja, Herr.“
Denn Jesus fragt am Ende nicht: Wer hat schöner geredet? Wer hat die besseren Formulierungen gefunden? Wer hat am frommsten genickt? Wer konnte am überzeugendsten zustimmen? Jesus fragt: Wer ist gegangen? Das ist die Frage. Nicht: Was denke ich über Nächstenliebe? Sondern: Wo wird sie konkret? Nicht: Bin ich grundsätzlich für Veränderung? Sondern: Was darf sich bei mir verändern? Nicht: Glaube ich an Vergebung? Sondern: Wo höre ich endlich auf, einem Menschen seine Vergangenheit hinterherzutragen? Nicht: Bin ich bereit? Sondern: Gehe ich? Und vielleicht nehmen wir heute nur zwei Fragen mit. Die erste: Wo sage ich schon lange Ja – aber meine Füße stehen noch immer still? Und die zweite: Wo habe ich irgendwann Nein gesagt – und wäre es Zeit, noch einmal darüber nachzudenken? Denn Gott sucht keine perfekten Jasager.
Er sucht Menschen, die sich bewegen lassen. Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Evangeliums: Gleich sage ich hier vorne: Amen. Und Sie sagen vielleicht auch: Amen. Dann singen wir noch. Feiern Christus in unserer Mitte. Dann kommt der Segen. Und irgendwann geht die Kirchentür auf. Wir stehen auf. Legen das Gotteslob hin ab. Gehen hinaus. Vielleicht reden wir noch kurz miteinander. Vielleicht steigen wir ins Auto. Vielleicht treffen wir schon auf dem Parkplatz auf den ersten Menschen, der unsere Geduld strapaziert. Und genau da beginnt der Weinberg. Nicht hier vorne am Ambo. Nicht erst bei irgendeiner großen Aufgabe. Der Weinberg beginnt beim nächsten Gespräch. Bei der nächsten Entscheidung. Bei der nächsten Nachricht, auf die ich antworte. Bei dem Satz, den ich vielleicht lieber nicht sage. Bei der Gelegenheit, bei der ich einen Menschen nicht wieder auf das festlege, was gestern war. Vielleicht auf dem Parkplatz. Vielleicht heute Abend zuhause. Vielleicht morgen früh. Vielleicht am Schreibtisch. Vielleicht am Telefon. Vielleicht dort, wo keiner sieht, dass ich gerade eine kleine Entscheidung anders treffe als sonst. Und dann bekommt das Evangelium plötzlich Hände und Füße.
Deshalb ist das Amen gleich gar nicht das Ende der Predigt. Eigentlich ist es erst der Anfang. Denn: Nach dem Amen geht die Tür auf. Und dann zeigt sich, ob unser Ja Füße bekommt.
Der liebe Gott segne Sie.
Bernd Michael Pawellek