Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft am 13. Sonntag im Jahreskreis von Bernd Michael Pawellek.

13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) (28-06-2026)

Fang mit dem Becher Wasser an

EVANGELIUM (Mt 10,37-42)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, 
ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.
Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“

– Ganz ehrlich:
Das klingt im ersten Moment nicht nach froher Botschaft.
Das klingt nach Überforderung.
Nach entweder-oder.
Fast so, als würde Jesus sich zwischen einen Menschen und seine Familie stellen.
Aber genau das tut er nicht.
Jesus ist nicht gegen die Liebe zur Familie.
Er ist nicht gegen Freundschaft, Nähe oder Bindung.
Im Gegenteil: Jesus will, dass Liebe gelingt.
Aber er weiß auch:
Liebe gerät aus dem Gleichgewicht, wenn ein Mensch, eine Beziehung oder irgendeine Sache
an die Stelle Gottes rückt. Das ist der entscheidende Punkt.

Jesus fragt heute nicht:
„Liebst du deine Familie zu sehr?“
Er fragt: Was steht in deinem Leben ganz oben? Woran hängt dein Herz?
Wer oder was bestimmt deine Richtung? Was darf über dich verfügen?

Das, was ganz oben steht, prägt alles andere.
Wenn Erfolg ganz oben steht, wird ein Mensch irgendwann hart.
Wenn Anerkennung ganz oben steht, wird er abhängig.
Wenn Sicherheit ganz oben steht, wird er ängstlich.
Wenn Geld ganz oben steht, wird er berechnend.
Und wenn das eigene Ich ganz oben steht, wird es am Ende ziemlich einsam.

Jesus sagt: Setz Gott an die erste Stelle.

Nicht, damit alles andere kleiner wird,
sondern damit alles andere seinen richtigen Platz bekommt.
Wer Gott an die erste Stelle setzt, liebt nicht weniger. Er liebt freier.
Er muss nicht klammern. Er muss andere nicht besitzen.
Er muss sie nicht für das eigene Glück verantwortlich machen.
Er kann Menschen lieben, ohne sie zu überfordern.

Mach aus keinem Menschen deinen Gott

Wie oft werden Beziehungen heute überfrachtet.
Der Partner soll alles sein: bester Freund, Therapeut, Lebenssinn,
Sicherheitsnetz und Glücksgarant.
Die Kinder sollen verwirklichen, was im eigenen Leben unerfüllt geblieben ist.
Die Familie soll jede Krise auffangen.
Der Beruf soll Identität schenken.
Und der Applaus anderer soll den inneren Mangel stillen.
Doch kein Mensch kann das alles tragen.

Jesus sagt:
Mach aus keinem Menschen deinen Gott.
Das hält kein Mensch aus.
Nicht der Ehepartner. Nicht die Kinder. Nicht die Eltern. Nicht der beste Freund.
Nicht die Gemeinde. Und auch nicht die Kirche.

Nur Gott kann Gott sein.

Und wenn Gott Gott sein darf, dann dürfen Menschen wieder Menschen sein. Keine Heilsbringer. Kein Besitz. Keine Projektionsfläche. Keine Lebensversicherung. Sondern Geschenk.
Dann kommt der zweite unbequeme Satz Jesu:
„Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“

Kreuz klingt nach Leid, Schmerz und Dunkelheit.
Aber Jesus sagt nicht: Such dir Leid. Mach dein Leben möglichst schwer.
Je trauriger, desto heiliger.
Das wäre eine Karikatur des Glaubens.
Das Kreuz ist keine Verherrlichung des Leidens.
Es ist die Bereitschaft, der Liebe treu zu bleiben, auch wenn es etwas kostet.
Das Kreuz beginnt dort, wo ich nicht weglaufe.

Nicht vor Verantwortung. Nicht vor der Wahrheit.
Nicht vor einem Menschen, der mich braucht. Nicht vor mir selbst. Und nicht vor Gott.

Das Kreuz kann heißen.

Ich bleibe ehrlich, obwohl eine Lüge bequemer wäre.
Ich stehe zu meinem Glauben, obwohl andere darüber lächeln.
Ich bitte um Vergebung, obwohl mein Stolz sich wehrt.
Ich spreche einen Konflikt an, statt ihn mit Schweigen zuzudecken.
Ich kümmere mich um jemanden, obwohl es niemand bemerkt.
Ich tue das Richtige, obwohl es mich etwas kostet.

Das ist Nachfolge.

Nicht frommes Gerede.
Nicht religiöse Dekoration am Rand des Lebens.
Nicht Kirche aus Gewohnheit.
Nicht Glaube als gelegentliches schönes Gefühl.

Nachfolge heißt: Jesus bekommt Gewicht in meinem Alltag.
In meinen Entscheidungen. In meiner Sprache. In meinem Umgang mit anderen.
In meinem Kalender und in meinem Geldbeutel.
In meiner Art, über Menschen zu reden.
In meiner Bereitschaft, Frieden zu stiften.
Und in meiner Fähigkeit, nicht immer nur mich selbst wichtig zu nehmen.

Jesus will nicht irgendwie dazugehören. Er will Mitte sein.
Nicht als fromme Verzierung. Nicht als Sonntagsprogramm. Nicht als Notfallkontakt für besonders schwierige Tage.
Er will die Kraft sein, von der her ein Mensch lebt, liebt und entscheidet.

Und dann wird dieses Evangelium plötzlich ganz zärtlich.
Nach den großen Worten über Liebe, Kreuz, Verlieren und Finden
spricht Jesus von einem Becher kalten Wassers:
„Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt,
wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“

Das ist wunderbar.
Jesus beginnt mit großen Worten und landet bei einem Glas Wasser.

Als wollte er sagen:
Glaube entscheidet sich nicht nur in den großen, dramatischen Augenblicken.
Glaube entscheidet sich im Kleinen.
In einem Glas Wasser. In einem offenen Ohr. In einem kurzen Besuch. In einer ehrlichen Nachricht. In einem guten Wort. In einer Entschuldigung. In einem stillen Dienst.
In einem Blick, der nicht verurteilt. In einer Tür, die offen bleibt.
In einem Platz, der für einen anderen freigemacht wird.

So konkret ist Christsein. Nicht immer groß. Aber echt.

Fang dort an, wo du bist Vielleicht ist genau das heute wichtig.
Viele fragen: Was kann ich schon bewirken?
Die Welt ist kompliziert. Die Kirche ist angeschlagen. Die Gesellschaft ist gereizt.
Viele Menschen sind erschöpft. Der Ton wird rauer und die Hoffnung kleiner.

Und Jesus sagt: Fang mit dem Becher Wasser an. Fang dort an, wo du bist.
In deiner Familie. In deiner Nachbarschaft. In deiner Gemeinde. Am Arbeitsplatz.
In der Schule. Im Verein. Im Pflegeheim. An der Supermarktkasse.
Im Gespräch nach dem Gottesdienst. Du musst nicht die ganze Welt retten. Du kannst ein Mensch sein, durch den andere etwas von Gott spüren.

Merkt man mir Christus an?

Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieses Sonntags: Merken Menschen an mir, dass Christus in meinem Leben Mitte ist?
Nicht, weil ich ständig fromme Worte mache.
Nicht, weil ich alles besser weiß.
Nicht, weil ich mich moralisch über andere stelle.
Sondern weil ich anders liebe: Freier. Wacher. Barmherziger. Klarer. Treuer.

Jesus sagt heute: Setz mich an die erste Stelle.
Nicht, damit dein Leben enger wird, sondern damit es Tiefe bekommt. Nimm dein Kreuz auf dich. Nicht, weil Leid etwas Gutes wäre, sondern weil Liebe manchmal Standfestigkeit braucht. Gib den Becher Wasser. Nicht, weil es spektakulär ist, sondern weil Gott im Kleinen groß wird.

Und vielleicht ist das die schönste Pointe dieses Evangeliums:
Wer Jesus wirklich in die Mitte stellt, verliert das Leben nicht. Er findet es.
Nicht irgendwann. Sondern schon jetzt.

Seien Sie gesegnet,
Bernd Michael Pawellek