Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 32. Sonntag im Jahreskreis (08.11.2026) von Bernd Michael Pawellek.

32. Sonntag im Jahreskreis

Die Lampen haben wir! Haben wir auch Öl?

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen mit ihren Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erscholl der Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht ihm entgegen! Da standen und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen:  Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus! Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es nicht für uns und für euch; geht lieber zu den Händlern und kauft es euch! Während sie noch unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam. Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen und sprach: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. (Mt 25,1-13)

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen Sie sich vor, wir hängen draußen an unsere Kirchentür ein Schild:
„Ölstand prüfen!“

Ich vermute, die ersten würden sagen: „Ist die Heizung schon wieder kaputt?“ Andere würden fragen: „Was kostet das denn jetzt wieder?“ Und einer würde bestimmt sagen: „Dafür bin ich nicht zuständig.“ Dabei ginge es auf diesem Schild um uns.

Um unseren Glauben. Um unsere Gemeinde. Um die Zukunft unserer Kirche. Denn nach diesem Evangelium müssen wir uns fragen: Wir haben die Lampen. Aber haben wir auch Öl?

Zehn Frauen gehen dem Bräutigam entgegen. Alle haben eine Lampe. Alle wollen mitfeiern. Alle gehören zunächst dazu. Von außen ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Das ist schon die erste Zumutung dieser Geschichte: Jesus erzählt hier von Menschen, die auf denselben Bräutigam warten. Die fünf Klugen stehen nicht für die anständigen Kirchenbesucher und die fünf anderen für die Menschen, die sonntags lieber ausschlafen. Alle zehn sind aufgebrochen.

Die Frage geht mitten durch die Gemeinschaft der Glaubenden. Sie geht mitten durch unsere Kirche. Und sie geht mitten durch mich. Ich kann eine Lampe in der Hand halten, ohne genug dabeizuhaben, damit sie weiterbrennt. Wie sieht das aus: Christ sein ohne Öl?

Das muss gar nicht besonders gottlos aussehen. Da ist einer getauft. Natürlich. Er kennt die Kirche seit Kindertagen. Weihnachten gehört dazu. Die kirchliche Beerdigung soll es später auch sein. Aber Gott spielt im Alltag kaum eine Rolle. Er wird weder gefragt noch vermisst.
Er darf zu den großen Anlässen dazukommen. Für die übrige Zeit kommt man ganz gut ohne ihn aus.

Und dann gibt es die andere Möglichkeit. Die betrifft uns, die wir regelmäßig hier sind. Ich kann mich in der Kirche bestens auskennen. Ich weiß, wie alles abzulaufen hat. Ich sehe sofort, wenn etwas fehlt. Ich habe eine klare Meinung darüber, was andere glauben und tun sollten. Aber wann habe ich selbst zuletzt vor Gott gesessen und gesagt: „Herr, was willst du von mir?“ Wann hat mich sein Wort zuletzt so getroffen, dass ich mein Verhalten geändert habe? Wann habe ich einem Menschen vergeben, obwohl mir jedes Argument dafür eingefallen wäre, es nicht zu tun? Man kann seine Lampe sehr ordentlich pflegen. Und dabei übersehen, dass die Flamme immer kleiner wird.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich sage das nicht mit dem Finger auf andere. Ich kenne das selbst: Man beschäftigt sich mit den Dingen Gottes und hat für Gott kaum noch Zeit. Es gibt so viel zu erledigen. Und irgendwann wird aus dem Glauben ein Betrieb, den man am Laufen hält. Wie sieht dann ein Christ mit Öl aus? Jesus liefert uns keine Liste, an der wir die anderen überprüfen könnten. Er erzählt dieses Gleichnis, damit wir uns selbst prüfen. Ein Mensch mit Öl muss kein religiöser Hochleistungssportler sein. Er kann Fragen haben. Er kann zweifeln. Er kann müde sein. Vergessen wir nicht: Auch die Klugen schlafen ein.

Ihr Glaube schützt sie nicht vor Erschöpfung. Aber sie haben etwas dabei, das sie durch die Nacht trägt. Da ist ein Vertrauen gewachsen: Mein Leben liegt in Gottes Hand, auch wenn ich gerade keinen Überblick habe. Da gibt es ein Gebet, das nicht erst anfangen muss, wenn alles zusammenbricht. Da ist die Bereitschaft, das Wort Jesu an sich heranzulassen. Auch dann, wenn es unbequem wird.

Und da wird Liebe konkret.

Ein Mensch bleibt an der Seite eines anderen, obwohl es anstrengend geworden ist. Einer übernimmt Verantwortung, ohne dafür Beifall zu bekommen. Eine wagt nach einem Streit den ersten Schritt. Solcher Glaube bekommt Gewicht. Er wird eingeübt. Er trägt im Alltag – und gerade dadurch wächst etwas für die Stunden, in denen es schwer wird. Denn genau darum geht es in dieser Geschichte: Es dauert länger als gedacht. Der Bräutigam kommt nicht zu der Zeit, zu der man mit ihm gerechnet hat. Das ist der Moment, in dem sich alles entscheidet. Für einen kurzen Auftritt reicht eine schöne Flamme. Aber für eine lange Nacht braucht es einen Vorrat. Wir kennen solche langen Nächte. Ein Gebet wird über Jahre nicht so erhört, wie wir es erhoffen. Eine Krankheit bleibt. Ein Konflikt zieht sich hin. Ein geliebter Mensch stirbt, und die Welt dreht sich einfach weiter.

Auch die Kirche erlebt, dass Hoffnungen sich nicht nach ihrem Zeitplan erfüllen. Wir wünschen uns volle Kirchen, junge Familien, Menschen, die begeistert mitmachen. Wir möchten erleben, dass unsere Mühe Früchte trägt. Und häufig sehen wir zuerst, was weniger wird. Was geschieht dann mit unserem Glauben? Wird aus Enttäuschung nur noch Bitterkeit? Reden wir irgendwann über alles und jeden schlecht? Oder finden wir die Kraft, auch unter veränderten Bedingungen treu, freundlich und mutig zu bleiben? Dafür braucht es Öl. Und wie sieht eine Kirche ohne Öl aus? Sie kann durchaus noch gut organisiert sein. Der Kalender ist voll. Sitzungen finden statt. Die Gebäude werden verwaltet. Zuständigkeiten werden geklärt. Das alles muss sein. Aber Menschen können unsere Räume betreten und trotzdem das Gefühl bekommen: Mit meinem Leben komme ich hier nicht vor. Mit meiner Trauer. Meiner Schuld. Meinen Fragen. Meiner Sehnsucht nach Gott. Eine Kirche ohne Öl beschäftigt sich so sehr mit ihrem eigenen Fortbestand, dass sie kaum noch fragt, wem sie eigentlich dienen soll. Sie verteidigt ihre Lampe. Aber wer kann sich noch an ihrem Licht orientieren? Das ist eine ernste Frage. Denn wir können die äußere Gestalt kirchlichen Lebens bewahren und dabei seinen inneren Grund verlieren.

Eine Kirche mit Öl wird man daran erkennen, dass in ihr die Beziehung zu Christus lebendig ist und Menschen das zu spüren bekommen. Dort wird gebetet. Dort wird das Evangelium gehört und auf das eigene Leben bezogen. Dort darf jemand sagen: „Ich habe den Glauben verloren“, ohne sofort einen Vortrag zu bekommen. Dort bemerkt man, wenn ein Mensch fehlt. Dort bekommt ein Neuer einen Platz, auch wenn dadurch etwas anders wird. Dort kann man miteinander streiten und anschließend um Verzeihung bitten. Eine solche Gemeinde wird auch organisieren müssen. Sie wird rechnen, planen und schwierige Entscheidungen treffen. Aber sie weiß, wozu sie da ist.

Sie möchte Menschen helfen, Christus zu begegnen. Das ist ihr Auftrag. Daran muss sie sich messen lassen.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Niemand von uns weiß, wie unsere Gemeinden in zwanzig Jahren genau aussehen werden. Wer so tut, als wüsste er es, verspricht zu viel. Wir müssen vorsorgen. Verantwortungsvoll mit Geld umgehen. Gebäude und Aufgaben prüfen. Menschen ausbilden. Zusammenarbeit lernen. Aber das Gleichnis stellt uns eine Frage, die wir mit keinem Stellenplan beantworten können: Was haben wir geistlich im Vorrat? Was geben wir weiter, wenn wir vom Glauben erzählen? Nur die Erinnerung, dass früher mehr los war? Oder können wir sagen: „Ich habe erfahren, dass Beten mich verändert. Dass Vergebung einen neuen Anfang ermöglicht. Dass Christus mich auch durch schwere Zeiten trägt“? Von solchen Erfahrungen kann eine Gemeinde leben. Vom Bedauern allein wird keine Lampe hell.

Nun hat dieses Evangelium aber eine harte Kante. Die fünf ohne Öl wollen sich etwas leihen. Es geht nicht. Sie gehen einkaufen. Als sie zurückkommen, ist die Tür geschlossen. Und der Bräutigam sagt: „Ich kenne euch nicht.“ Das erschreckt mich. Es zeigt: Jesus spricht von mehr als guter Lebensplanung. Er spricht von unserer Begegnung mit ihm. Von dem Augenblick, in dem unser Leben vor ihm steht. Und er fragt, ob wir auf diese Begegnung zugelebt haben.

Sein Name kann uns vertraut sein, während wir ihm selbst ausweichen. Wir können „Herr, Herr“ sagen und sein Wort trotzdem nicht an unser Leben heranlassen. Deshalb lässt sich das Entscheidende am Ende auch nicht schnell von anderen ausleihen.

Andere können mich im Glauben tragen. Gott sei Dank können sie das. Sie können für mich beten, mich ermutigen und mir helfen, wieder anzufangen.

Aber sie können mein Ja zu Christus nicht an meiner Stelle sprechen. Sie können die Liebe, die mir aufgetragen ist, nicht vollständig für mich leben. Und die Reserve? Sie ist kein Guthaben, mit dem ich mir den Himmel kaufe. Niemand hat Gott gegenüber Ansprüche, weil er genug gebetet oder geholfen hätte. Gemeint ist ein Leben, in dem der Glaube Wurzeln schlagen darf. In dem das Vertrauen wächst. In dem die Liebe eingeübt wird. Damit wir auch dann bei Christus bleiben, wenn es dunkel wird und lange dauert. Am Ende sagt Jesus: „Seid also wachsam!“

Dabei haben doch alle geschlafen.

Wachsamkeit muss also tiefer reichen als das Offenhalten der Augen. Sie bedeutet: Ich rechne mit Christus. Ich lasse mich von ihm ansprechen. Ich verschiebe meine Antwort nicht endlos auf später.

Liebe Schwestern und Brüder,
‚wir hören dieses Evangelium heute. Die Tür der Kirche ist offen. Wir sind eingeladen. Wir können antworten. Darum lohnt sich die Frage nach dem Ölstand.
Wo lebt mein Glaube noch aus einer wirklichen Beziehung zu Gott? Wo ist er zur Gewohnheit geworden? Welcher Mensch wartet darauf, dass meine Liebe endlich praktisch wird?
Und als Gemeinde: Wofür verbrauchen wir unsere Kraft? Was nährt uns? Was hilft Menschen, durch uns etwas von der Güte Gottes zu erfahren?

Das Schild an unserer Kirchentür wäre also gar nicht so schlecht: „Ölstand prüfen!“

Damit wir uns Zeit nehmen für das, was unseren Glauben nährt. Damit auch jemand, der gerade durch eine dunkle Zeit geht, bei uns Licht findet. Und damit wir bereit sind, wenn Christus kommt – der Herr, auf den wir hoffen, der uns ruft und der mit uns sein Fest feiern will. Die Lampe haben wir. Sorgen wir dafür, dass sie brennt.

Gott segne uns dazu.
Bernd Michael Pawellek