Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 25. Sonntag im Jahreskreis (20.09.2026) von Bernd Michael Pawellek.

25. Sonntag im Jahreskreis

Der Himmel hat keine Bonuskarte

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu  ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denár. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denár. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte. (Mt 20,1-16)

Liebe Schwestern und Brüder,
eigentlich beginnt das heutige Evangelium schon ein paar Verse vorher. Und zwar mit Petrus. Petrus stellt Jesus eine Frage, die erstaunlich ehrlich ist. Im Grunde sagt er: „Jesus, wir haben doch alles stehen und liegen lassen. Wir sind mit dir gegangen. Wir haben uns eingesetzt. Was bekommen wir eigentlich dafür?“ Da ist er wieder, der gute Petrus. Nicht besonders fromm. Aber herrlich menschlich. Was springt dabei für uns heraus?

Und seien wir ehrlich: So weit ist diese Frage von uns gar nicht entfernt. Da engagiert sich jemand seit zwanzig oder dreißig Jahren in seiner Gemeinde. Pfarrgemeinderat. Kirchenvorstand. Caritas. Verbandarbeit, ob kfd, Kolping… Kirchenmusik. Chor. Organist. Lektorendienst. Kommunionvorbereitung. Blumenschmuck. Pfarrfest. Stühle schleppen. Kuchen backen. Listen führen. Schlüssel holen. Schlüssel wieder wegbringen. Kerzen anzünden. Und natürlich immer dann einspringen, wenn mal wieder jemand anderes nicht kann. … Sonntag für Sonntag Gottesdienst. Jahr für Jahr. Und irgendwann könnte man schon einmal denken: Lieber Gott, du hast das aber hoffentlich alles auf dem Schirm. Nicht, dass am Ende einer kommt, den man sein ganzes Leben kaum in der Kirche gesehen hat  – und der bekommt genauso viel wie ich. Das wäre ja noch schöner.

Und genau an dieser Stelle erzählt Jesus sein Gleichnis. Ein Weinbergbesitzer stellt morgens Arbeiter ein. Sie schuften den ganzen Tag. Hitze. Staub. Zwölf Stunden Arbeit. Andere kommen mittags. Andere nachmittags. Und ein paar werden tatsächlich erst kurz vor Feierabend eingestellt. Vielleicht haben die gerade noch herausgefunden,  wo die Gartenschere liegt – da ist der Arbeitstag schon vorbei. Dann kommt die Auszahlung. Die Letzten bekommen einen Denar. Und jetzt rechnen die Ersten natürlich. Völlig verständlich. Wenn die für eine Stunde einen Denar bekommen,  dann müsste für uns ja ordentlich etwas herausspringen. Zwei Denare? Fünf? Vielleicht zehn? Und dann bekommen sie ihren Umschlag: einen Denar. Genauso viel. Da wäre bei uns vermutlich innerhalb von drei Minuten
die WhatsApp-Gruppe voll. „Habt ihr das gesehen?“ „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ „Und dafür haben wir uns den ganzen Tag abgerackert!“ Ich kann die Leute verstehen. Ganz ehrlich: Ich finde das zunächst auch ungerecht.

Und vielleicht sollen wir das sogar. Vielleicht erzählt Jesus die Geschichte ganz bewusst so, dass sich in uns erst einmal alles sträubt. Denn erst dann trifft uns seine Frage: Warum ärgert es dich eigentlich,
wenn ich zu einem anderen Menschen gut bin?

Das ist der Punkt. Den Arbeitern der ersten Stunde wird nämlich nichts weggenommen. Sie bekommen genau das, was vereinbart war. Ihr Problem beginnt erst in dem Augenblick,  in dem sie nach links und rechts schauen. Der bekommt genauso viel wie ich? Die bekommt genauso viel wie ich? Dann war mein Einsatz ja wohl nichts Besonderes. Und plötzlich sind wir mitten im Gemeindeleben.

„Wir sind doch immer da.“ „Wir haben die Gemeinde aufgebaut.“ „Wir haben jahrelang mitgemacht.“ „Und jetzt kommen andere und wollen plötzlich mitreden.“ Oder: Da betet jemand sein ganzes Leben. Ein anderer entdeckt Gott mit siebzig. Da ist jemand jeden Sonntag in der Kirche. Ein anderer taucht vielleicht nur auf, wenn sein Leben gerade auseinanderfällt. Da lebt jemand seit Jahrzehnten aus seinem Glauben. Und ein anderer findet erst ganz spät einen Zugang dazu. Und Gott? Macht keine Unterschiede in seiner Liebe. Keine erste Klasse. Keine zweite Klasse. Keine Stammkunden. Der Himmel hat keine Bonuskarte. Es gibt nicht für jeden Gottesdienst einen Stempel. Für fünfzig Rosenkränze keinen Bonuspunkt. Für zwanzig Jahre Kirchenvorstand kein Upgrade. Und wer hundert Kuchen fürs Pfarrfest gebacken hat, bekommt später nicht die Wolke mit Südbalkon. So funktioniert Gott nicht. Und vielleicht provoziert uns genau das. Denn wir leben in einer Welt, in der fast alles nach Leistung berechnet wird. Mehr gearbeitet – mehr verdient. Mehr geleistet – bessere Note. Mehr Erfolg – mehr Anerkennung. Und in vielen Bereichen ist das auch richtig. Jesus hält hier keine Vorlesung über Tarifrecht. Er erzählt vom Himmelreich. Und da gilt etwas anderes: Gott fragt nicht zuerst: Was hast du geleistet? Sondern: Was brauchst du zum Leben? Ein Denar war damals das, was ein Mensch brauchte, um den nächsten Tag zu überstehen. Und plötzlich sieht das Gleichnis ganz anders aus.

Der Weinbergbesitzer sagt nicht: Leistung ist mir egal. Er sagt: Auch der, der erst am Abend Arbeit gefunden hat, soll morgen leben können. Auch der Letzte. Auch der Übersehene. Auch der, den vorher niemand wollte. Auch der, der spät kommt. Und vielleicht sogar der, bei dem wir denken: Der hat das doch gar nicht verdient. Gott sagt: Ich will, dass er lebt. Das ist seine Gerechtigkeit. Und jetzt bekommt die Frage des Petrus  noch einmal einen ganz anderen Klang: „Herr, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was bekommen wir dafür?“ Vielleicht lautet Jesu Antwort: Petrus, du hast noch immer nicht verstanden. Es geht nicht darum, dass du am Ende mehr bekommst als die anderen. Du bekommst mich. Du bekommst Leben. Du bekommst meine Nähe. Du bekommst das Reich Gottes. Aber der andere eben auch.

Und vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung dieses Evangeliums: Dass ich meinen Glauben nicht dadurch wertvoll machen muss, dass ein anderer weniger bekommt. Dass mein jahrelanger Einsatz nicht dadurch größer wird, dass ein anderer draußen bleibt. Dass Gottes Liebe zu einem anderen Menschen mir nichts wegnimmt. Vielleicht sagt Gott heute zu uns: Ich habe gesehen, was du getan hast. Jede Stunde. Jeden Einsatz. Manches, wofür dir niemals jemand Danke gesagt hat. Manches, was längst vergessen scheint. Bei mir ist es nicht vergessen. Aber verlange von mir nicht, einen anderen weniger zu lieben, damit dein Einsatz mehr wert ist. Das wäre eine ziemlich starke Botschaft für unsere Kirche. Nicht immer fragen: Wer war zuerst da? Wer hat mehr getan? Wer hat mehr verdient? Sondern sich tatsächlich einmal freuen können, wenn einer dazukommt. Wenn jemand neu anfängt. Wenn jemand nach langer Zeit wieder einen Weg zu Gott findet. Wenn einer in der letzten Stunde noch entdeckt: Da ist einer, der auch mich will. Und vielleicht wäre das Heiligkeit: Dem anderen seinen Denar zu gönnen. Seinen Platz. Seinen Neuanfang. Die ganze Liebe Gottes. Einfach zu sagen: Gönn doch mal.

Denn Gottes Liebe wird nicht kleiner, wenn ein anderer viel davon bekommt.
Und der Himmel hat nun einmal keine Bonuskarte. Zum Glück.
Denn am Ende leben wir alle nicht von dem, was wir uns verdient haben.
Wir leben davon, dass Gott gut ist.

Und der Segen Gottes
kommt auf euch herab.

Bernd Michael Pawellek