7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A) (17.05.2026)
Pfingsten in Sicht – die Kirche wird 1993 Jahre alt
EVANGELIUM
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich komme zu dir. (Johannes 17,1-11a)
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Tage, da liegt etwas in der Luft. Wer einmal auf einem Kirchentag war, kennt das: Menschen mit Rucksäcken, Liederheften, Kaffeebechern, Fragen im Kopf und Hoffnung im Herzen. Menschen, die diskutieren, beten, singen, widersprechen, suchen, lachen, weinen, feiern. Da riecht Kirche nicht nach Staub, sondern nach Bewegung. Da ist Glaube kein Museum, sondern Marktplatz. Da steht nicht zuerst die Frage im Raum: „Wie retten wir die Kirche?“, sondern: „Wie kommt Gottes Geist heute durch diese Welt?“
Und genau in dieser Stimmung steht dieser 7. Sonntag der Osterzeit.
Ostern liegt hinter uns. Himmelfahrt liegt hinter uns. Pfingsten liegt vor uns.
Die Jüngerinnen und Jünger stehen in einer Zwischenzeit. Jesus ist nicht mehr so da wie vorher. Der Geist ist noch nicht gekommen wie später. Sie stehen nicht im fertigen Konzept. Sie haben keinen Fünf-Jahres-Plan. Keine Immobilienstrategie. Keine perfekte Pastoralvereinbarung. Keine neue Satzung. Keine Hochglanzkampagne.
Sie haben eine offene Wunde. Eine große Verheißung. Und einen Raum, in dem gebetet wird.
Die Apostelgeschichte erzählt das ganz schlicht: Die Jünger kehren vom Ölberg nach Jerusalem zurück. Sie gehen in das Obergemach. Dort bleiben sie. Zusammen mit Maria, der Mutter Jesu. Und sie verharren einmütig im Gebet.
Das ist die erste Gestalt von Kirche nach Himmelfahrt. Nicht Aktionismus. Nicht Panik. Nicht Selbstbeschäftigung. Nicht Jammern über früher. Sondern: zusammenbleiben. beten. warten. wach sein. Das klingt harmlos. Ist es aber nicht.
Denn diese kleine Gruppe im Obergemach ist der Anfang einer Weltbewegung. Da sitzen keine Funktionäre. Da sitzt keine Institution mit Macht. Da sitzen Menschen, die nicht wissen, wie es weitergeht. Menschen, die gerade erst begriffen haben, dass Ostern nicht bedeutet: Alles ist wieder wie früher.
Ostern bedeutet: Alles wird neu. Und genau das ist die Provokation dieses Sonntags.
Kirche beginnt nicht als Behörde. Kirche beginnt als Gebetsraum. Kirche beginnt nicht mit Kontrolle, sondern mit Erwartung. Kirche beginnt nicht mit Besitzstandswahrung, sondern mit einer brennenden Frage: Gott, was willst du jetzt?
Pfingsten ist in Sicht. Und damit auch der Geburtstag der Kirche. Wenn man Pfingsten ungefähr um das Jahr 33 ansetzt, dann geht die Kirche 2026 in ihren 1993. Geburtstag. 1993 Jahre Kirche. Das klingt alt. Sehr alt. Fast biblisch alt. Man kann sagen: Respekt. Man kann aber auch sagen: In diesem Alter muss man aufpassen, dass man nicht nur noch Geburtstagskarten sortiert und alte Fotoalben anschaut.
1993 Jahre Kirche – und trotzdem ist Kirche nicht fertig. Kirche ist alt genug, um weise zu sein. Aber sie darf nie so alt werden, dass sie nichts mehr erwartet. Das ist der Punkt.
Eine Kirche, die auf Pfingsten zugeht, darf nicht sagen: „Das haben wir immer so gemacht.“
Eine Kirche, die auf Pfingsten zugeht, muss fragen: „Heiliger Geist, was machst du gerade neu?“
Eine Kirche, die ihren 1993. Geburtstag feiert, darf nicht nur Kerzen auf die Torte stellen. Sie muss Türen öffnen. Fenster aufreißen. Luft reinlassen. Stimmen hören, die lange überhört wurden. Bibeltexte neu entdecken. Menschen neu sehen. Gott neu zutrauen, dass er noch nicht fertig ist.
Denn der Heilige Geist ist kein Denkmalpfleger. Er konserviert nicht fromme Erinnerungen. Er macht lebendig. Und dann hören wir heute dieses Evangelium aus den Abschiedsreden Jesu. Zugegeben: Johannes 17 klingt auf den ersten Blick nicht nach Kirchentag. Eher nach hoher Theologie. Große Worte: Herrlichkeit. Vater. Sohn. Ewiges Leben. Name Gottes. Einheit.
Man kann diesen Text schnell weghören, weil er so dicht ist. Aber mitten darin steckt Sprengstoff. Jesus betet. Das ist schon der erste Hammer. Der Sohn Gottes hält keine Strategieansprache. Er schreibt kein Regierungsprogramm für die Kirche. Er betet. Und worum betet er? Er betet nicht: Vater, mach sie erfolgreich. Er betet nicht: Vater, mach sie mächtig. Er betet nicht: Vater, mach sie beliebt. Er betet nicht: Vater, sorg dafür, dass alle Kirchenbänke voll sind und alle Statistiken nach oben zeigen. Er betet: Vater, bewahre sie.
Bewahre sie in deinem Namen. Das ist etwas anderes als Erfolg. Bewahren heißt nicht: einfrieren. Bewahren heißt: in der Tiefe halten.
Jesus bittet darum, dass seine Jünger nicht verloren gehen. Dass sie nicht im Lärm der Welt untergehen. Dass sie sich nicht selbst verlieren. Dass sie bei Gott bleiben. Dass sie wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen. Das ist hochaktuell.
Denn die Kirche kann sich verlieren.
Sie kann sich verlieren in Strukturdebatten.
Sie kann sich verlieren in Empörung.
Sie kann sich verlieren in Machtfragen.
Sie kann sich verlieren in Nostalgie.
Sie kann sich verlieren in Angst.
Sie kann sich verlieren in der Frage, wer noch kommt und wer schon weg ist.
Jesus betet nicht für eine Kirche, die um sich selbst kreist. Er betet für Menschen, die mitten in der Welt bleiben und doch aus Gott leben. Das ist der Unterschied.
Kirche ist nicht dazu da, sich selbst zu retten. Kirche ist dazu da, dass Gottes Liebe in der Welt erkennbar wird. Das ewige Leben, sagt Jesus, besteht darin, Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat. Ewiges Leben beginnt also nicht erst nach dem Tod. Ewiges Leben beginnt dort, wo ein Mensch Gott erkennt. Wo ein Mensch begreift: Ich bin nicht allein. Mein Leben ist mehr als Funktionieren. Meine Würde hängt nicht an Leistung. Meine Zukunft hängt nicht an den Nachrichten. Meine Hoffnung hängt nicht an Mehrheiten. Ewiges Leben beginnt, wenn Gott in einem Menschen hell wird. Und genau dafür gibt es Kirche. Nicht für Selbstzweck. Nicht für Folklore. Nicht für fromme Kulisse. Kirche gibt es, damit Menschen Gott erkennen.
Damit Kinder spüren: Ich bin geliebt.
Damit Jugendliche merken: Mein Leben hat eine Richtung.
Damit Erwachsene nicht im Hamsterrad ersticken.
Damit Alte nicht abgeschrieben werden.
Damit Trauernde nicht allein bleiben.
Damit Schuld nicht das letzte Wort hat.
Damit Arme, Fremde, Verwundete, Suchende einen Platz finden.
Damit diese Welt nicht vergisst, dass sie Gottes Welt ist.
Das ist Kirche.
Alles andere ist Verpackung. Manchmal schöne Verpackung. Manchmal notwendige Verpackung. Manchmal sehr schwere Verpackung. Aber der Inhalt ist Christus.
Und deshalb ist der 7. Sonntag der Osterzeit so stark. Er stellt die Kirche zwischen Himmelfahrt und Pfingsten in die entscheidende Frage: Warten wir nur auf bessere Zeiten – oder erwarten wir den Heiligen Geist? Das ist nicht dasselbe.
Wer den Heiligen Geist erwartet, steht auf.
Wer den Heiligen Geist erwartet, hört neu hin.
Menschen, die sagen: Wir sind nicht am Ende.
Christus ist auferstanden. Der Geist kommt. Die Kirche hat Geburtstag.
Und Geburtstage sind nicht dafür da, dem Leben hinterherzutrauern. Geburtstage sind dafür da, das Leben neu zu feiern.
1993 Jahre Kirche.
Eine Kirche, die so lange unterwegs ist, hat viel Schuld auf sich geladen. Das darf niemand kleinreden. Sie hat verletzt, ausgeschlossen, geschwiegen, Macht missbraucht. Diese Wahrheit gehört auf den Tisch. Aber diese Kirche hat auch getauft, getröstet, gebetet, gepflegt, gesungen, gebildet, gerettet, begleitet. Sie hat Krankenhäuser gebaut, Schulen gegründet, Sterbende gehalten, Kinder gesegnet, Armen Brot gegeben, Hoffnung durch Jahrhunderte getragen. Kirche neu entdecken heißt: Nicht fragen: „Wie bekommen wir die alte Form zurück?“ Sondern: „Wo entsteht heute Evangelium?“ Glauben neu entdecken heißt: Nicht fragen: „Was muss ich alles glauben?“ Sondern: „Wem vertraue ich mein Leben an?“
Pfingsten beginnt dort, wo ein Mensch sagt: Heiliger Geist, fang bei mir an.
Nicht irgendwann. Heute.
Bernd Michael Pawellek