Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft am Hochfest des Heiligen Liborius von Bernd Michael Pawellek.

Hochfest - Heiliger Liborius (26-07-2026)

Mittendrin – oder nur noch dabei?

Liebe Schwestern und Brüder,

„Mittendrin.“ Das ist das Motto von Libori in diesem Jahr. Und ich muss sagen: Das ist mutig. Denn wenn man sich unsere Kirche gerade anschaut, könnte man manchmal auch andere Überschriften finden: „Am Rand.“ „Im Umbau.“ „Wegen Personalmangels geschlossen.“

Oder vielleicht ganz modern:„Kirche wird gerade aktualisiert. Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus.“ Und nun: Mittendrin. Wirklich? Sind wir als Kirche noch mittendrin? Mittendrin im Leben der Menschen? Mittendrin in ihren Fragen? Mittendrin in ihrer Freude? Mittendrin in ihren Krisen? Oder stehen wir manchmal daneben und wundern uns, warum keiner mehr zu uns  herüberkommt? Der Platz in der Mitte

Ich musste an eine ganz einfache Alltagsszene denken. Eine Feier. Viele Menschen. Tische, Stühle, Gespräche. Und dann gibt es immer zwei Möglichkeiten. Ich kann mich irgendwo an den Rand setzen.  Da ist es sicher.  Ich kenne vielleicht zwei Leute.  Ich habe mein Getränk. Ich beobachte. Oder ich gehe mittendrin. Dahin, wo ich noch nicht weiß, neben wem ich gleich stehe.

Wo mir jemand seine Geschichte erzählt. Wo vielleicht einer nervt. Wo es laut wird. Wo ich nicht alles kontrollieren kann. Aber genau dort passiert Begegnung. Mittendrin ist kein bequemer Platz.

Mittendrin bedeutet: Ich bekomme etwas mit. Und manchmal bekomme ich auch etwas ab.

Jesus war selten am Rand

Wenn ich ins Evangelium schaue, fällt mir auf: Jesus hat erstaunlich wenig Zeit in geschützten Räumen verbracht. Er war unterwegs. Auf Straßen. An Tischen. Bei Hochzeiten. Zwischen Kranken. Zwischen Suchenden. Zwischen Menschen mit ziemlich zweifelhaftem Ruf.

Er war mittendrin.

Und genau deshalb wurde es manchmal ungemütlich. Jesus hat sich nicht hingestellt und gesagt: „Hier bin ich. Meine Sprechzeiten sind dienstags von 15 bis 17 Uhr. Bitte vorher anmelden.“ Er ist hingegangen. Zu Zachäus. Zur Frau am Jakobsbrunnen. Zu den Aussätzigen. Zu den Trauernden. Zu denen, über die andere längst ihr Urteil gefällt hatten. Jesus war mittendrin. Nicht weil er überall mitmachen wollte. Sondern weil Gott genau dort sein will: mitten im Leben. Und Liborius? Und vielleicht ist das die eigentliche Verbindung zu unserem heiligen Liborius. Wir feiern heute keinen Kirchenfunktionär aus dem vierten Jahrhundert. Wir feiern einen Bischof. Einen Hirten. Und Hirte sein heißt eben nicht: auf einem erhöhten Sitz Platz nehmen und warten, bis die Schafe einen Termin vereinbaren. Ein Hirte ist bei seiner Herde.

Er kennt die Wege. Er kennt die Unruhe. Er merkt, wenn eines fehlt. Er bekommt den Staub ab. Vielleicht ist genau das heute die Frage an unsere Kirche: Riechen wir eigentlich noch nach dem Leben der Menschen? Oder nur noch nach unseren Sitzungsräumen?

Wir diskutieren über pastorale Räume. Über Strukturen. Über Immobilien. Über Zuständigkeiten. Über weniger Personal. Über größere Einheiten. Alles wichtig. Aber manchmal frage ich mich: Während wir noch überlegen, wie Kirche in zehn Jahren organisiert sein soll – merken wir eigentlich, was die Menschen heute brauchen?

Da ist die Frau, die ihren Mann pflegt und kaum noch kann. Da ist der Jugendliche, der nach außen cool wirkt und nachts nicht weiß, wie es weitergehen soll.
Da ist die Familie, bei der das Geld am 20. des Monats aufgebraucht ist.
Da ist der Mensch, der vom Krieg hört und Angst vor der Zukunft bekommt.
Da sind Menschen, die von Kirche enttäuscht sind.

Und da sind andere, die Gott suchen – aber niemals auf die Idee kämen, an unserer Kirchentür zu klingeln.

Vielleicht heißt das: Nicht warten, bis die Menschen wiederkommen. Sondern hingehen.
Kirche ist kein Riesenrad. Zu Libori gehört das Riesenrad. Man steigt ein. Man fährt nach oben.
Von dort hat man einen wunderbaren Überblick. Man sieht den Dom. Die Stadt. Die Menschen.
Alles siet klein und übersichtlich aus. Und nach ein paar Minuten steigt man wieder aus.
Manchmal habe ich Sorge, dass wir als Kirche zu viel Riesenrad fahren.
Wir schauen von oben. Wir analysieren. Wir erstellen Konzepte. Wir entwickeln Prozesse.
Wir schreiben Papiere. Und unten leben die Menschen. Vielleicht müssen wir einfach wieder aussteigen. Auf den Boden. Ins Gedränge.

Denn Christsein ist kein Aussichtspunkt. Christsein heißt: sich berühren lassen. Von der Freude eines Menschen. Von seiner Not. Von seiner Frage. Von seine Sehnsucht. Du bist mittendrin.
Und jetzt kommt der vielleicht unangenehme Teil dieser Predigt. „Mittendrin“ ist kein Motto für das Erzbistum. Kein Werbeslogan. Kein Hashtag für schöne Libori-Fotos. Mittendrin – das bist du. Und ich.

Du bist mittendrin, wenn du morgen einen Menschen wirklich anschaust.
Du bist mittendrin, wenn du nicht weitergehst, obwohl du es eilig hast.
Du bist mittendrin, wenn du den Mund aufmachst, wo andere klein gemacht werden.
Du bist mittendrin, wenn du jemanden anrufst, von dem du lange nichts gehört hast.
Du bist mittendrin, wenn du deinen Glauben nicht versteckst, aber auch niemandem um die Ohren schlägst.
Du bist mittendrin, wenn ein Mensch nach der Begegnung mit dir ein kleines bisschen mehr Hoffnung hat.

Vielleicht ist das die Kirche der Zukunft. Nicht überall Gebäude. Nicht überall Hauptamtliche.
Nicht überall das volle Programm. Aber Menschen. Menschen, die Gott mitten ins Leben tragen.
So wie Liborius. So wie unzählige vor uns. Gott steht schon da. Und vielleicht machen wir einen entscheidenden Denkfehler. Wir meinen immer, wir müssten Gott zu den Menschen bringen.
Vielleicht ist Gott längst da. In der Küche der pflegenden Ehefrau.
Im Zimmer des Jugendlichen. Im Flüchtlingsheim. Im Krankenhaus. Am Arbeitsplatz.
Am Küchentisch einer Familie, die nicht mehr miteinander reden kann. Auf dem Liboriberg.
Und sogar mitten im Gedränge der Innenstadt. Gott ist längst mittendrin. Die Frage ist nur:
Sind wir es auch?

Heiliger Liborius,
du Brückenbauer zwischen Menschen und Ländern, du Hirte mitten unter den Menschen:
Hol uns herunter von unseren Aussichtspunkten. Heraus aus unseren sicheren Ecken.
Hinein ins Leben. Denn dort wartet Gott. Mittendrin.
Gott segne uns auf die Fürsprache des Heiligen Liborius.

Bernd Michael Pawellek