Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 24. Sonntag im Jahreskreis (13.09.2026) von Bernd Michael Pawellek.

24. Sonntag im Jahreskreis

Die offene Rechnung

In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu  verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denáre schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt. (Mt 18,21-35)

Petrus fragt Jesus: „Wie oft muss ich vergeben? Siebenmal?“ Das klingt großzügig.

Denn meistens zählen wir schon viel früher: Einmal kann passieren. Beim zweiten Mal wird es schwierig. Und beim dritten Mal denken wir: Jetzt reicht’s!

Wir Menschen führen ziemlich genau Buch über das, was andere uns angetan haben. Wir vergessen, wo wir gestern unsere Brille hingelegt haben. Aber wir erinnern uns noch nach Jahren an einen einzigen verletzenden Satz. Mit Datum. Mit Tonfall. Und manchmal sogar mit Sitzordnung. Da ist noch eine Rechnung offen. Eine Entschuldigung fehlt. Eine Erklärung. Wenigstens das Eingeständnis: Du hattest recht.

Petrus möchte nun wissen: Wie lange muss ich das mitmachen? Wann darf ich einen Schlussstrich ziehen? Jesus antwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“

Das heißt nicht: Lass dir alles gefallen.
Es heißt auch nicht: Das war doch nicht so schlimm. Vergeben ist kein „Schwamm drüber“.

Manches war schlimm. Manches darf nicht vergessen werden. Und manchmal braucht es klare Grenzen und Abstand. Vergeben heißt etwas anderes:

Ich lasse nicht länger zu, dass das, was geschehen ist, mein ganzes Leben bestimmt. Denn solange ich innerlich immer wieder abrechne, bleibt der andere mächtig.

Dann sitzt er vielleicht gar nicht mehr neben mir – aber immer noch in meinen Gedanken.
Dann führe ich Gespräche, die längst vorbei sind. Dann formuliere ich Antworten, die niemand mehr hört. Dann trage ich die alte Rechnung jeden Tag mit mir herum.

Vergeben bedeutet: Ich gebe diese Rechnung aus der Hand. Ich überlasse sie Gott. Nicht, weil alles wieder gut ist. Sondern weil ich frei werden möchte. Vielleicht gelingt das nicht sofort. Vielleicht kann ich heute nur beten:

Gott, ich kann diesem Menschen noch nicht vergeben. Aber ich möchte nicht für immer an diese Verletzung gebunden bleiben. Hilf mir, den ersten Schritt zu tun.

Und vielleicht bin ich selbst der Mensch, der einem anderen noch etwas schuldet. Dann wäre heute der Moment für ein ehrliches: „Es tut mir leid.“ Ohne Rechtfertigung. Ohne „aber“. Jesus sagt: Hör auf zu zählen.

Denn auch Gott führt keine Strichliste über unsere Fehler. Zum Glück. Vielleicht nehmen wir deshalb heute nur eine Frage mit: Welche alte Rechnung trage ich noch immer mit mir herum – und was würde geschehen, wenn ich sie endlich aus der Hand gäbe?

Gottes Segen ihnen allen.
Bernd Michael Pawellek