Hochfest - ALLERHEILIGEN
Und wer fehlt noch?
Liebe Schwestern und Brüder,
heute möchte ich ein paar Bilder zeigen. Keine Urlaubsbilder. Keine Familienfotos. Auch keine Bilder vom letzten Pfarrfest. Es sind Bilder von Menschen, die wir heute besonders in den Blick nehmen: von Heiligen. Drei Bilder habe ich ausgewählt. Und vielleicht auch ein viertes. Aber dazu später.
Das ist Petrus.
Petrus, du gehörst zu den bekanntesten Heiligen überhaupt. Jesus hat dich den Felsen genannt. Auf dich wollte er seine Kirche bauen. Das klingt nach einem starken Mann. Nach einem, auf den man sich immer verlassen kann. Und dann lesen wir deine Geschichte.Du hast Jesus groß angekündigt: „Ich halte zu dir. Auch wenn alle anderen weglaufen.“ Und als es ernst wurde? Als Jesus gefangen genommen war und du Angst bekamst? Da hast du gesagt: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Nicht einmal. Dreimal.
Petrus, ich bin froh, dass deine Geschichte in der Bibel steht. Denn ich kenne das auch: dass ich mir etwas fest vornehme und dann doch anders handle. Dass ich den Mund halten wollte und etwas Verletzendes sage. Dass ich mutig sein wollte und kneife. Dass ich einen Menschen enttäusche. Und ich denke: Das hätte nicht passieren dürfen. Petrus hat seine Schuld nicht einfach weggeschoben. Er hat geweint. Aber das war nicht das Ende seiner Geschichte. Der auferstandene Jesus begegnet ihm wieder. Er fragt ihn: „Liebst du mich?“ Und er traut ihm eine neue Aufgabe zu. Petrus zeigt uns: Ein Mensch ist mehr als sein größter Fehler. Bei Gott ist ein neuer Anfang möglich.
Und das ist Elisabeth von Thüringen.
Elisabeth, du hattest ein Leben, um das dich viele beneidet hätten. Du lebtest auf einer Burg, hattest Einfluss und musstest dir um dein tägliches Brot keine Sorgen machen. Aber du hast gesehen: Unten im Land leben Menschen, denen das Nötigste fehlt.Menschen haben Hunger. Menschen sind krank. Menschen werden übersehen. Und du hast dich um sie gekümmert. Bestimmt haben manche gesagt: „Elisabeth, du kannst dich doch nicht um alle kümmern!“ Nein, das konnte sie nicht. Aber sie hat bei denen angefangen, die sie erreichen konnte.Jesus sagt heute im Evangelium: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ Elisabeth, du machst dieses Wort ganz praktisch. Barmherzigkeit ist nicht zuerst eine große Idee. Sie hat Augen, die hinsehen. Ohren, die zuhören. Und Hände, die etwas tun.
Das kann ein Anruf sein: „Wie geht es dir wirklich?“ Ein Besuch bei einem Menschen, der allein ist.
Ein Gespräch mit jemandem, über den gerade alle reden. Oder ein Moment, in dem ich merke: Der andere braucht keine klugen Ratschläge. Er braucht jemanden, der bei ihm bleibt.
Und hier ist Franziskus von Assisi.
Franziskus, bei dir denken viele sofort an Tiere und an die Natur. Du stehst in manchen Gärten, umgeben von Vögeln und Blumen. Aber du warst auch ein Mensch, der sein Leben radikal verändert hat. Als junger Mann hattest du Geld und Freunde. Du wolltest etwas erleben und im Leben etwas darstellen. Doch irgendwann hast du gemerkt: Ich habe vieles – und trotzdem fehlt mir etwas. Du hast begonnen, anders zu leben. Du hast dich armen und kranken Menschen zugewandt. Du hast entdeckt, wie kostbar die Schöpfung ist. Und du hast dich darauf eingelassen, Gott den Weg zeigen zu lassen.
Jesus sagt heute: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Franziskus erinnert uns: Vor Gott müssen wir nicht beweisen, wie erfolgreich wir sind. Wir dürfen kommen mit dem, was wir haben – und mit dem, was uns fehlt. Mit unserer Freude und unseren Fragen. Mit unserer Kraft und unserer Erschöpfung. Und wir dürfen uns fragen: Was brauche ich wirklich für ein gutes Leben?
Und wer fehlt noch?
Petrus. Elisabeth. Franziskus. Drei Menschen. Drei ganz verschiedene Lebensgeschichten. Der eine ist gescheitert und durfte neu anfangen. Die andere hat hingesehen und geholfen. Der dritte hat losgelassen und einen neuen Weg gesucht. Und allen dreien ist Jesus begegnet. Ihr Leben hat dadurch eine Richtung bekommen. Aber ich habe Ihnen ja noch ein viertes Bild versprochen.
Wer ist das? Das sind Sie. Und wenn ich den Spiegel zu mir drehe, sehe ich mich. Zugegeben: Wir stehen noch in keinem Heiligenkalender. Und ob einmal eine Statue von uns in einer Kirche stehen wird, lassen wir heute besser offen. Aber darum geht es auch gar nicht. Gottes Ruf zu einem heiligen Leben gilt uns allen. Jesus spricht im Evangelium nicht nur zu Menschen, die später einmal auf einem Sockel stehen. Er spricht zu denen, die ihm zuhören. Zu Menschen mit Fragen und Sorgen. Zu Menschen, die trauern. Zu denen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen. Zu denen, die Frieden suchen und barmherzig handeln.
Er spricht auch zu uns. Wenn wir einen Menschen trösten. Wenn wir den ersten Schritt zur Versöhnung machen. Wenn wir für jemanden eintreten, der übersehen wird. Wenn wir uns nach einem Fehler nicht verstecken, sondern um Vergebung bitten. Und wenn wir Gott zutrauen, dass er mit unserem Leben etwas anfangen kann.
Heute denken wir auch an die Menschen, die uns vorausgegangen sind. An Menschen, die wir geliebt haben und die uns fehlen. An ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Art zu lachen. Wir erinnern uns an das Gute und an das Schwere, das wir miteinander erlebt haben. An ihren Gräbern vertrauen wir sie Gottes Liebe an. Wir glauben: Sie sind bei ihm nicht vergessen. Und wir selbst gehen unseren Weg weiter. Nicht allein. Mit Christus an unserer Seite und verbunden mit der großen Gemeinschaft der Heiligen.
Unser letztes Bild ist also noch nicht fertig. Die Geschichte geht weiter. Heute. Hier. Mit uns.
Gott segne uns dazu,
Bernd Michael Pawellek
stellen Sie sich vor: Heute Nacht wäre Gott aus der Kirche ausgezogen. Ganz leise. Ohne Kündigung. Ohne Abschiedsbrief. Die Kerzen brennen noch. Die Orgel funktioniert. Die Gottesdienstordnung hängt im Schaukasten. Auch die nächste Sitzung findet selbstverständlich statt.
Woran würden wir merken, dass er fehlt?
Vielleicht würden wir zuerst die Heizung überprüfen. Oder sagen: „Irgendwie war früher mehr Atmosphäre.“ Eine unangenehme Frage. Auch für mich. Man kann sich schließlich an kirchliche Abläufe gewöhnen. Man weiß, wann man aufsteht, wann man antwortet und wann es ungefähr zu Ende ist.
Aber ob wir dabei Gott begegnet sind?
Heute wird Jesus gefragt: Welches Gebot ist das wichtigste?
Die Frage kommt von einem Mann, der sich auskennt. Einem Gesetzeslehrer. Er kennt die Texte, die Auslegungen, die Streitfragen. Und er will Jesus auf die Probe stellen.
Jesus antwortet mit Worten, die diesem Mann vertraut sind: Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Denken. Und deinen Nächsten wie dich selbst.
Daran hängt alles. Das ist ein gewaltiger Satz.
Wir hängen unser kirchliches Leben an vieles: an Menschen, die Verantwortung übernehmen. An Geld. An Gebäude. An Traditionen. Das alles hat seinen Platz. Jesus aber sagt: Was ihr da aufbaut, muss an der Liebe hängen. Sonst hält es vielleicht organisatorisch. Aber es trägt keine Menschen.
Man könnte heute eine leere Steckdose hier vorne hinstellen. Daneben eine wunderschöne Lampe. Kostbar gearbeitet. Frisch poliert. Mit einem ausgezeichneten Leuchtmittel. Und dann stehen wir davor und diskutieren: Muss sie weiter nach links? Passt die Farbe? Haben wir für die Lampe überhaupt einen Beschluss? Nur steckt niemand den Stecker hinein. Die Lampe bleibt dunkel.
Ich frage mich manchmal, ob wir uns als Kirche mit der Einrichtung des Glaubens so beschäftigen können, dass wir den Anschluss verlieren. Und dieser Anschluss ist persönlich.
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.“
Wann habe ich Gott zuletzt etwas gesagt, das wirklich von mir kam?
Kein ordentlich formulierter Satz. Vielleicht nur: „Ich bin müde.“ Oder: „Das verstehe ich nicht.“ Oder: „Bleib bitte heute bei mir.“
Vielleicht beginnt Gottesliebe genau dort: Ich höre auf, vor Gott eine Rolle zu spielen. Ich muss ihm keine gelungene Woche vorweisen. Ich darf ihm die wirkliche hinhalten. Mit meiner Ungeduld. Meiner Sehnsucht. Dem Streit, den ich nicht aus dem Kopf bekomme. Und dann kommt dieser zweite Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Plötzlich hat der Glaube ein Gesicht.
Leider häufig eines, das wir uns nicht ausgesucht hätten. Den netten Menschen zu lieben, der mich versteht und meine Ansichten teilt, ist meistens überschaubar. Schwieriger wird es bei dem Menschen, dessen Name auf dem Display erscheint und bei dem ich denke: Bitte jetzt nicht. Oder bei dem, über den ich schon so oft gesprochen habe, dass ich gar nicht mehr auf die Idee komme, mit ihm zu sprechen.
Genau dort bekommt das Evangelium Gewicht.
Nächstenliebe kann bedeuten, ein Gespräch zu führen, dem ich seit Wochen ausweiche. Einen Fehler zuzugeben. Jemanden ausreden zu lassen, obwohl meine Antwort längst fertig ist.
Manchmal bedeutet sie auch, deutlich Nein zu sagen. Wer liebt, muss Unrecht nicht hinnehmen. Aber selbst im notwendigen Widerspruch bleibt die Frage: Will ich etwas klären? Oder will ich den anderen verletzen?
Und dann stehen da noch diese kleinen Worte: wie dich selbst. Auch du bist ein Mensch, Bernd. Auch Sie. Auch ich. Ein Mensch mit Grenzen. Mit einem Körper, der Ruhe braucht. Mit einer Seele, die nicht endlos funktionieren kann. Es ist merkwürdig: Einem erschöpften Freund würden wir sagen: „Jetzt setz dich erst einmal hin.“ Zu uns selbst sagen wir: „Stell dich nicht so an.“
Jesus nimmt uns mit hinein in die Liebe, die er uns aufträgt. Wir dürfen sie auch an uns heranlassen.
Vielleicht ist das für manche heute der schwierigste Schritt. Zu glauben: Ich bin vor Gott mehr als meine Leistung. Mehr als mein Versagen. Ich darf da sein. Von dort aus kann etwas weiterfließen. Zurück zu unserer Kirche, aus der Gott angeblich ausgezogen ist. Vielleicht müssten wir gar nicht zuerst hier im Raum nachsehen. Vielleicht müssten wir fragen: Wer geht nach diesem Gottesdienst ein wenig getrösteter nach Hause? Wer wird vermisst, wenn sein Platz leer bleibt? Wer kann hier von seiner Not erzählen, ohne sich dafür schämen zu müssen?
Da würde sich zeigen, ob unsere Lampe leuchtet.
Für diese Woche schlage ich deshalb etwas Kleines vor: Denken Sie an einen Menschen, dem Sie gerade ausweichen. Sie müssen heute nicht alles mit ihm in Ordnung bringen. Vielleicht können Sie aber einen ersten ehrlichen Schritt tun. Anrufen. Nachfragen. Zuhören. Oder auf den Satz verzichten, der ihn vor den anderen kleinmachen würde.
Und nehmen Sie sich einen Augenblick für Gott. Ohne etwas vorweisen zu müssen. „Hier bin ich. So sieht es gerade in mir aus.“ Vielleicht ist das schon der Anfang. Der Stecker findet die Steckdose. Und irgendwo wird es für einen Menschen hell.
Gott segne Sie dafür,
Bernd Michael Pawellek