Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft am Hochfest Fronleichnam von Bernd Michael Pawellek.

HOCHFEST FRONLEICHNAM (Lesejahr A) (04-06-2026)

HOCHFEST FRONLEICHNAM (04-06-2026)
Mehr als Brot

Liebe Schwestern und Brüder,
stellen Sie sich vor, jemand würde heute Morgen auf dem Marktplatz stehen und fragen:

„Glaubt ihr das wirklich?“

Glaubt ihr wirklich, dass Gott in einem Stück Brot gegenwärtig sein kann?
Glaubt ihr wirklich, dass diese kleine Hostie mehr sein soll als Mehl und Wasser?
Glaubt ihr wirklich, dass Christus heute noch mitten unter den Menschen lebt?
Vermutlich würden viele antworten:
„Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Und ganz ehrlich: Diese Frage ist nicht neu.
Schon die Menschen zur Zeit Jesu haben sie gestellt.
Als Jesus sagte: „Ich bin das Brot des Lebens“, da schüttelten viele den Kopf.
Als er sagte: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“,
da gingen sogar einige seiner Anhänger weg.
Zu verrückt. Zu schwer. Zu unverständlich.

Und wenn wir ehrlich sind: Ganz verstanden haben wir es bis heute nicht.

Vielleicht liegt genau darin das Problem unserer Zeit.
Wir wollen alles erklären können.
Alles messen. Alles beweisen. Alles verstehen. Wenn etwas nicht ins Labor passt, wird es verdächtig. Wenn etwas nicht berechenbar ist, wird es schnell zur Legende.
Aber die größten Dinge des Lebens entziehen sich genau dieser Logik.

Liebe. Freundschaft. Vertrauen. Hoffnung.

Kein Mensch kann Liebe wiegen. Kein Mensch kann Hoffnung unter dem Mikroskop betrachten. Und trotzdem verändert beides das ganze Leben. Vor einiger Zeit erzählte mir jemand von seiner Großmutter. Als sie starb, blieb eine alte Küchenuhr zurück. Nichts Besonderes. Ein billiges Stück Metall. Materiell fast wertlos. Die Familie wollte sie zunächst entsorgen. Doch der Enkel nahm sie mit. Bis heute steht diese Uhr in seiner Wohnung. Wenn Besucher fragen: „Warum hebst du diesen alten Kram auf?“ dann antwortet er: „Weil meine Oma darin steckt.“ Natürlich steckt die Oma nicht physisch in der Uhr. Und doch ist sie irgendwie  gegenwärtig.

Erinnerung hat Materie berührt.

Liebe hat einem Gegenstand eine neue Bedeutung gegeben. Und nun denken wir einen Schritt weiter. Wenn schon menschliche Liebe Spuren hinterlassen kann – warum sollte Gottes Liebe das nicht können? Warum sollte Gott nicht fähig sein, Brot zu einem Ort seiner Gegenwart zu machen? Warum sollte der Schöpfer des Universums daran scheitern? Genau das feiern wir heute.

Fronleichnam.

Ein seltsames Wort. Viele denken dabei an Friedhof oder Leichnam. Dabei bedeutet es ursprünglich: Leib des Herrn. Das Fest des lebendigen Christus. Nicht des toten. Nicht einer Erinnerung. Nicht eines Museumsstücks. Sondern des Auferstandenen. Deshalb tragen wir die Monstranz durch die Straßen. Und vielleicht fragen manche Menschen am Fenster: „Was machen die denn da?“

Eine berechtigte Frage. Denn eigentlich wirkt die Prozession ziemlich verrückt. Eine goldene Monstranz. Fahnen. Lieder. Blumen. Weihrauch. Mitten im Jahr 2026. Mitten in einer Welt voller Krisen. Mitten in einer Kirche, die selbst um ihre Zukunft ringt. Warum machen wir das? Weil wir eine Botschaft haben. Eine einzige. Aber eine gewaltige. Gott hat die Welt nicht verlassen. Er ist noch da. In den Krankenhäusern. In den Pflegeheimen. In den Schulen. In den Familien. In den Sorgen. In den Konflikten. In den Fragen. In den Tränen. In den Hoffnungen.

Die Prozession sagt: Christus bleibt nicht im Tabernakel. Er geht hinaus. Zu den Menschen. Dorthin, wo das Leben stattfindet. Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je. Denn viele Menschen glauben längst nicht mehr an einen strafenden Gott. Aber sie sehnen sich nach Nähe. Nach Sinn. Nach Halt. Nach Hoffnung. Nach jemandem, der sagt: „Du bist nicht allein.“ Genau das ist die Eucharistie. Gottes Antwort auf die Einsamkeit des Menschen.

Ob Christus wirklich gegenwärtig ist? Ich kann es nicht beweisen. Kein Priester kann das. Kein Theologe. Kein Papst. Aber Millionen Menschen haben über Jahrhunderte erfahren: Hier geschieht etwas. Hier begegnet ihnen einer. Hier finden sie Trost. Kraft. Frieden. Neuanfang. Vielleicht ist das Geheimnis von Fronleichnam gar nicht die Frage: „Wie kommt Christus in das Brot?“ Vielleicht ist die wichtigere Frage: „Wie kommt Christus durch dieses Brot in mein Leben?“ Denn die Eucharistie will nicht bestaunt werden. Sie will verwandeln.

Wer Christus empfängt, soll selbst zum Leib Christi werden. 

Zu Händen, die helfen. Zu Worten, die aufrichten. Zu Augen, die sehen. Zu einem Herzen, das liebt. Und dann geschieht das eigentliche Wunder. Nicht nur Christus ist im Brot gegenwärtig. Sondern Christus wird durch Menschen gegenwärtig. Durch Christen, die Hoffnung bringen. Durch Christen, die Frieden stiften. Durch Christen, die nicht nur beten, sondern handeln. Deshalb endet Fronleichnam nicht mit dem Schlusssegen. Deshalb beginnt Fronleichnam eigentlich erst danach. Auf der Straße. Im Alltag. Zu Hause. Im Beruf. In der Nachbarschaft. Dort, wo Menschen spüren sollen: Christus ist da. Nicht nur in der Monstranz. Sondern mitten unter ihnen.

Bernd Michael Pawellek