Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft am 11. Sonntag im Jahreskreis von Bernd Michael Pawellek.

11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) (14-06-2026)

11. Sonntag im Jahreskreis (A) (14-06-2026)

Gesendet in deiner Ernte

EVANGELIUM (Mt 9,36-38.10,1-8)
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philíppus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskáriot, 
der ihn ausgeliefert hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samaríter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben

Liebe Schwestern und Brüder,

das Evangelium heute beginnt nicht mit einer frommen Theorie. Es beginnt mit einem Blick. Jesus sieht die Menschen. Nicht von oben herab. Nicht statistisch. Nicht als Problemgruppe. Nicht als Zielgruppe pastoraler Konzepte. Er sieht sie. Und was sieht er? Menschen, die müde sind. Menschen, die nicht mehr wissen, wem sie glauben können. Menschen, die innerlich herumirren. Menschen, die enttäuscht sind. Menschen, die sich nach Orientierung sehnen. Menschen wie Schafe ohne Hirten. Das ist die Stimmung damals. Ein Volk unter Druck. Politisch fremdbestimmt. Religiös überfordert. Sozial gespalten. Viele Regeln, wenig Trost. Viele Autoritäten, wenig Vertrauen. Viele Stimmen, wenig Evangelium.

Und jetzt kommt die Provokation: Heute ist es genauso. Auch heute laufen Menschen herum wie Schafe ohne Hirten. Nicht weil sie dumm wären. Nicht weil sie nichts mehr glauben wollten. Sondern weil sie oft genug schlechte Hirten erlebt haben. Menschen haben erlebt: Kirche spricht von Liebe und wirkt manchmal kalt. Kirche spricht von Wahrheit und wirkt manchmal ängstlich. Kirche spricht von Barmherzigkeit und wirkt manchmal hart. Kirche spricht von Hoffnung und verwaltet den Rückzug. Kirche spricht vom Leben und beschäftigt sich mit sich selbst. Und dann wundern wir uns, dass Menschen gehen. Vielleicht gehen viele nicht, weil ihnen Gott egal geworden ist. Vielleicht gehen sie, weil sie Gott in unserer Art von Kirche nicht mehr finden. Das muss man aushalten.

Jesus sieht die Menschen. Und er hat Mitleid mit ihnen. Nicht Mitleid im Sinne von: „Ach, die Armen.“ Sondern Mitleid im biblischen Sinn: Es geht ihm an die Eingeweide. Es trifft ihn körperlich. Es lässt ihn nicht kalt. Die Not der Menschen ist für Jesus kein Thema für eine Sitzung. Sie ist ein Auftrag. Und genau da wird dieses Evangelium brandgefährlich. Denn Jesus sagt nicht: „Die Lage ist schwierig.“ Er sagt nicht: „Wir müssen erst eine Strukturreform abwarten.“ Er sagt nicht: „Früher war alles besser.“ Er sagt nicht: „Da kann man nichts machen.“

Jesus sagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“ Das heißt: Das Problem ist nicht, dass es keine Sehnsucht mehr gibt. Das Problem ist nicht, dass Menschen kein Interesse mehr an Sinn, Trost, Heilung, Segen, Wahrheit und Hoffnung haben. Das Problem ist: Es gibt zu wenige, die hingehen. Zu wenige, die nicht nur über Kirche reden, sondern Evangelium leben. Zu wenige, die nicht nur den Mangel beklagen, sondern aufbrechen. Zu wenige, die nicht nur fragen: „Wer kommt noch zu uns?“ Sondern endlich fragen: „Zu wem gehen wir?“

Das ist die entscheidende Wende.

Die Kirche von morgen wird nicht dadurch entstehen, dass Menschen wieder brav dorthin zurückkommen, wo sie früher waren. Die Kirche von morgen entsteht dort, wo Christinnen und Christen neu lernen, gesendet zu sein. Nicht versorgt. Gesendet. Nicht Publikum. Gesendet. Nicht Zuschauerinnen und Zuschauer eines religiösen Programms. Gesendet. Das ist unbequem. Denn es beendet eine alte Kirchenlogik.

Lange haben wir gedacht: Kirche ist da, wo ein Gebäude steht. Kirche ist da, wo ein Pfarrbüro geöffnet ist. Kirche ist da, wo ein Plan hängt. Kirche ist da, wo jemand zuständig ist. Jesus denkt anders. Kirche ist da, wo Menschen in seinem Namen heilsam werden. Kirche ist da, wo Kranke nicht abgeschrieben werden. Kirche ist da, wo Verwundete nicht verurteilt werden. Kirche ist da, wo Schuld nicht das letzte Wort hat. Kirche ist da, wo jemand sagt: Du bist nicht verloren. Kirche ist da, wo Menschen spüren: Gott ist nahe. Darum sendet Jesus die Zwölf aus.

Keine perfekte Truppe: Petrus – impulsiv. Thomas – zweifelnd. Matthäus – mit fragwürdiger Vergangenheit. Jakobus und Johannes – ehrgeizig. Judas – abgründig.Das ist keine Elite. Das ist kein Hochglanzteam. Das ist Kirche im Rohzustand. Und trotzdem sendet Jesus sie. Das sollte uns zu denken geben. Vielleicht warten wir in der Kirche viel zu oft auf perfekte Bedingungen. Auf perfekte Leute. Auf perfekte Konzepte. Auf perfekte Zeiten. Auf perfekte Zustimmung. Jesus wartet nicht auf Perfektion. Er sendet Menschen mit Ecken, Brüchen, Grenzen und Geschichte. Das ist Zukunft der Kirche. Nicht die perfekte Kirche wird überleben. Sondern die gesendete Kirche. Nicht die Kirche, die sich selbst bewundert. Sondern die Kirche, die sich verschenkt. Nicht die Kirche, die ihre Vergangenheit konserviert. Sondern die Kirche, die aus der Kraft des Evangeliums Zukunft wagt. Und jetzt wird es ganz konkret.

Jesus gibt den Jüngern einen Auftrag: Heilt Kranke. Weckt Tote auf. Macht Aussätzige rein. Treibt Dämonen aus. Das klingt groß. Fast zu groß. Aber übersetzen wir es in unsere Zeit.

Heilt Kranke:
Geht dorthin, wo Menschen wund sind. In Familien, in denen keiner mehr miteinander redet. Zu Jugendlichen, die innerlich längst aufgegeben haben. Zu Alten, die nur noch funktionieren. Zu Menschen, die psychisch erschöpft sind. Zu denen, die in der Kirche verletzt wurden.

Weckt Tote auf:
Weckt Hoffnung, wo alles abgestorben scheint.In Gemeinden, die sich aufgegeben haben. In Herzen, die nur noch zynisch sind.In einer Kirche, die manchmal wirkt, als hätte sie mehr Angst vor Veränderung als Vertrauen in den Heiligen Geist.

Macht Aussätzige rein:
Holt die zurück in die Mitte, die an den Rand gedrängt wurden. Die Geschiedenen. Die Zweifelnden. Die Suchenden. Die Fremden. Die Stillen. Die, die nicht in unser Bild passen. Die, die längst denken: Für mich ist da kein Platz.

Treibt Dämonen aus:
Nennt beim Namen, was Menschen kaputtmacht. Machtmissbrauch. Klerikalismus. Selbstgerechtigkeit. Gleichgültigkeit. Angst. Scheinheiligkeit. Die dämonische Versuchung, Gott zu verwalten, statt ihm zu dienen.

Das ist kein nettes Sonntagsevangelium. Das ist eine Zumutung. Jesus sagt nicht: Haltet den Laden am Laufen. Jesus sagt: Das Reich Gottes ist nahe.

Nicht irgendwann. Nicht nach der nächsten Reform. Nicht nach dem nächsten Pastoralkonzept. Nicht erst, wenn wieder mehr Leute da sind. Jetzt. Und ja: Das wird die Kirche verändern. Die Kirche der Zukunft wird kleiner sein.
Aber kleiner muss nicht ärmer heißen. Sie wird weniger selbstverständlich sein. Aber weniger selbstverständlich kann ehrlicher heißen. Sie wird weniger Macht haben. Aber weniger Macht kann evangelischer heißen. Sie wird weniger Personal haben. Aber weniger Personal kann bedeuten: mehr Verantwortung für alle. Sie wird weniger Fassade haben. Aber weniger Fassade kann bedeuten: mehr Wahrheit. Vielleicht nimmt Gott seiner Kirche gerade vieles weg, was sie nie zum Evangelium gebraucht hat. Status. Sicherheit. Selbstverständlichkeit. Bequemlichkeit. Ansehen.

Und vielleicht fragt Christus mitten in diesem Verlust: Wollt ihr endlich wieder das sein, was ihr von Anfang an wart? Gesandte. Zeugen. Arbeiterinnen und Arbeiter in meiner Ernte. Menschen mit Feuer im Herzen und Staub an den Schuhen. Denn das Evangelium endet heute nicht mit einer Analyse. Es endet mit Bewegung.

Jesus ruft. Jesus gibt Vollmacht. Jesus sendet. Kirche beginnt nicht dort, wo alle Probleme gelöst sind. Kirche beginnt dort, wo Menschen sich von Jesus losschicken lassen. Warten wir noch darauf, dass jemand Kirche für uns macht? Oder begreifen wir endlich, dass wir Kirche sind? Nicht als Parole. Sondern als Verantwortung. Die Ernte ist groß.

Da draußen gibt es Menschen, die auf ein gutes Wort warten. Auf einen Besuch. Auf ein offenes Ohr. Auf ein ehrliches Gebet. Auf eine Kirche, die nicht zuerst erklärt, warum etwas nicht geht, sondern zeigt, dass Gott nahe ist. Da draußen gibt es Menschen, die nicht wissen, ob sie noch glauben können. Vielleicht brauchen sie keine klugen Antworten. Vielleicht brauchen sie jemanden, der mit ihnen aushält. Da draußen gibt es Menschen, die Kirche abgeschrieben haben. Vielleicht zu Recht. Vielleicht warten sie trotzdem darauf, dass jemand anders von Gott spricht: einfacher, ehrlicher, wärmer, glaubwürdiger. Und da drinnen – in uns – gibt es oft mehr Angst als Mut.  Aber Jesus sendet keine Heldinnen und Helden. Er sendet Jünger. Menschen, die selbst lernen müssen. Menschen, die fallen können. Menschen, die unterwegs begreifen, was sie am Anfang noch nicht verstanden haben. Darum ist diese Kirche nicht am Ende. Sie ist in der Krise. Ja. Aber Krise heißt Entscheidung. Entscheiden wir uns für die Verwaltung des Mangels? Oder für die Mission der Hoffnung? Entscheiden wir uns für Nostalgie? Oder für Nachfolge? Entscheiden wir uns für die Frage: „Wie retten wir unsere Kirche?“ Oder für die Frage Jesu: „Wen soll ich senden?“ Die Zukunft der Kirche beginnt nicht mit einem perfekten Plan. Sie beginnt mit einem Blick. Mit dem Blick Jesu auf die Menschen. Und dann mit einem Schritt. Raus. Hin. Zu den Müden. Zu den Verwundeten. Zu den Suchenden. Zu denen, die keiner sieht. Nicht jammern. Senden lassen. Denn das Reich Gottes ist nahe.

Bernd Michael Pawellek