30. Sonntag im Jahreskreis
Kein Anschluss unter dieser Nummer?
In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte,
kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen
und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.
Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,34-40)
Liebe Schwestern und Brüder,
stellen Sie sich vor: Heute Nacht wäre Gott aus der Kirche ausgezogen. Ganz leise. Ohne Kündigung. Ohne Abschiedsbrief. Die Kerzen brennen noch. Die Orgel funktioniert. Die Gottesdienstordnung hängt im Schaukasten. Auch die nächste Sitzung findet selbstverständlich statt.
Woran würden wir merken, dass er fehlt?
Vielleicht würden wir zuerst die Heizung überprüfen. Oder sagen: „Irgendwie war früher mehr Atmosphäre.“ Eine unangenehme Frage. Auch für mich. Man kann sich schließlich an kirchliche Abläufe gewöhnen. Man weiß, wann man aufsteht, wann man antwortet und wann es ungefähr zu Ende ist.
Aber ob wir dabei Gott begegnet sind?
Heute wird Jesus gefragt: Welches Gebot ist das wichtigste?
Die Frage kommt von einem Mann, der sich auskennt. Einem Gesetzeslehrer. Er kennt die Texte, die Auslegungen, die Streitfragen. Und er will Jesus auf die Probe stellen.
Jesus antwortet mit Worten, die diesem Mann vertraut sind: Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Denken. Und deinen Nächsten wie dich selbst.
Daran hängt alles. Das ist ein gewaltiger Satz.
Wir hängen unser kirchliches Leben an vieles: an Menschen, die Verantwortung übernehmen. An Geld. An Gebäude. An Traditionen. Das alles hat seinen Platz. Jesus aber sagt: Was ihr da aufbaut, muss an der Liebe hängen. Sonst hält es vielleicht organisatorisch. Aber es trägt keine Menschen.
Man könnte heute eine leere Steckdose hier vorne hinstellen. Daneben eine wunderschöne Lampe. Kostbar gearbeitet. Frisch poliert. Mit einem ausgezeichneten Leuchtmittel. Und dann stehen wir davor und diskutieren: Muss sie weiter nach links? Passt die Farbe? Haben wir für die Lampe überhaupt einen Beschluss? Nur steckt niemand den Stecker hinein. Die Lampe bleibt dunkel.
Ich frage mich manchmal, ob wir uns als Kirche mit der Einrichtung des Glaubens so beschäftigen können, dass wir den Anschluss verlieren. Und dieser Anschluss ist persönlich.
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.“
Wann habe ich Gott zuletzt etwas gesagt, das wirklich von mir kam?
Kein ordentlich formulierter Satz. Vielleicht nur: „Ich bin müde.“ Oder: „Das verstehe ich nicht.“ Oder: „Bleib bitte heute bei mir.“
Vielleicht beginnt Gottesliebe genau dort: Ich höre auf, vor Gott eine Rolle zu spielen. Ich muss ihm keine gelungene Woche vorweisen. Ich darf ihm die wirkliche hinhalten. Mit meiner Ungeduld. Meiner Sehnsucht. Dem Streit, den ich nicht aus dem Kopf bekomme. Und dann kommt dieser zweite Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Plötzlich hat der Glaube ein Gesicht.
Leider häufig eines, das wir uns nicht ausgesucht hätten. Den netten Menschen zu lieben, der mich versteht und meine Ansichten teilt, ist meistens überschaubar. Schwieriger wird es bei dem Menschen, dessen Name auf dem Display erscheint und bei dem ich denke: Bitte jetzt nicht. Oder bei dem, über den ich schon so oft gesprochen habe, dass ich gar nicht mehr auf die Idee komme, mit ihm zu sprechen.
Genau dort bekommt das Evangelium Gewicht.
Nächstenliebe kann bedeuten, ein Gespräch zu führen, dem ich seit Wochen ausweiche. Einen Fehler zuzugeben. Jemanden ausreden zu lassen, obwohl meine Antwort längst fertig ist.
Manchmal bedeutet sie auch, deutlich Nein zu sagen. Wer liebt, muss Unrecht nicht hinnehmen. Aber selbst im notwendigen Widerspruch bleibt die Frage: Will ich etwas klären? Oder will ich den anderen verletzen?
Und dann stehen da noch diese kleinen Worte: wie dich selbst. Auch du bist ein Mensch, Bernd. Auch Sie. Auch ich. Ein Mensch mit Grenzen. Mit einem Körper, der Ruhe braucht. Mit einer Seele, die nicht endlos funktionieren kann. Es ist merkwürdig: Einem erschöpften Freund würden wir sagen: „Jetzt setz dich erst einmal hin.“ Zu uns selbst sagen wir: „Stell dich nicht so an.“
Jesus nimmt uns mit hinein in die Liebe, die er uns aufträgt. Wir dürfen sie auch an uns heranlassen.
Vielleicht ist das für manche heute der schwierigste Schritt. Zu glauben: Ich bin vor Gott mehr als meine Leistung. Mehr als mein Versagen. Ich darf da sein. Von dort aus kann etwas weiterfließen. Zurück zu unserer Kirche, aus der Gott angeblich ausgezogen ist. Vielleicht müssten wir gar nicht zuerst hier im Raum nachsehen. Vielleicht müssten wir fragen: Wer geht nach diesem Gottesdienst ein wenig getrösteter nach Hause? Wer wird vermisst, wenn sein Platz leer bleibt? Wer kann hier von seiner Not erzählen, ohne sich dafür schämen zu müssen?
Da würde sich zeigen, ob unsere Lampe leuchtet.
Für diese Woche schlage ich deshalb etwas Kleines vor: Denken Sie an einen Menschen, dem Sie gerade ausweichen. Sie müssen heute nicht alles mit ihm in Ordnung bringen. Vielleicht können Sie aber einen ersten ehrlichen Schritt tun. Anrufen. Nachfragen. Zuhören. Oder auf den Satz verzichten, der ihn vor den anderen kleinmachen würde.
Und nehmen Sie sich einen Augenblick für Gott. Ohne etwas vorweisen zu müssen. „Hier bin ich. So sieht es gerade in mir aus.“ Vielleicht ist das schon der Anfang. Der Stecker findet die Steckdose. Und irgendwo wird es für einen Menschen hell.
Gott segne Sie dafür,
Bernd Michael Pawellek