Hochfest Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr A) (31.05.2026)
Welchen Gott meinen wir eigentlich?
EVANGELIUM
Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. (Johannes 3,16-18)
Wenn heute jemand fragt: „Glaubst du an Gott?“, dann müsste man eigentlich zuerst zurückfragen: Welchen Gott meinst du?
Den alten Mann mit weißem Bart auf einer Wolke?
Den strengen Richter, der jede Kleinigkeit notiert?
Den Lückenbüßer für alles, was die Wissenschaft noch nicht erklären kann?
Oder den Gott, von dem Jesus spricht?
Denn die Wahrheit ist: Die Vorstellung von Gott hat sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder verändert. Die Menschen früherer Zeiten sahen göttliche Kräfte in Blitz, Sturm und Sonne.
Israel entdeckte Gott als Befreier aus der Sklaverei. Die Propheten erkannten: Gott will nicht Opfer, sondern Gerechtigkeit. Jesus spricht von Gott als Vater – nicht als Herrscher auf Distanz, sondern als liebende Nähe.
Und heute?
Heute suchen viele Menschen wieder neu. Nicht wenige können mit dem Bild eines allmächtigen Herrschers wenig anfangen. Manche entdecken das Mütterliche in Gott neu: Geborgenheit. Trost. Zärtlichkeit. Barmherzigkeit.
Die Bibel selbst kennt solche Bilder: Gott tröstet wie eine Mutter. Gott trägt. Gott nährt. Gott schützt.
Vielleicht ist Gott größer als alle unsere Bilder.
Vielleicht sind alle Bilder nur Fenster. Keines zeigt alles. Aber jedes zeigt etwas.
Darum feiern wir heute Dreifaltigkeit. Nicht als mathematisches Rätsel. Sondern als Erinnerung: Gott ist größer als jede einzelne Vorstellung.
Vater. Sohn. Heiliger Geist.
Beziehung. Liebe. Gemeinschaft.
Ein Gott, der nicht einsam ist, sondern von Ewigkeit her Liebe.
Und genau dort beginnt auch der Weg des Menschen zu Gott.
Nicht zuerst durch Beweise. Nicht durch Formeln. Nicht durch philosophische Argumente. Sondern durch Erfahrungen. Ein Sonnenaufgang, der sprachlos macht. Die Geburt eines Kindes. Eine Versöhnung nach langem Streit. Eine Liebe, die trägt. Eine Hoffnung, die stärker ist als die Angst. Ein Frieden mitten im Chaos.
Menschen haben Gott selten gefunden, weil sie ihn bewiesen haben. Sie haben ihn gefunden, weil sie sich berühren ließen. Natürlich gibt es Zweifel. Auch heute. Vielleicht mehr als früher. Manche fragen: Gibt es Gott überhaupt? Warum sieht man ihn nicht? Warum greift er nicht ein? Diese Fragen gehören zum Glauben. Wer nie zweifelt, hat oft nur fertige Antworten. Wer fragt, sucht. Und wer sucht, hält die Tür offen. Vielleicht ist die eigentliche Gefahr unserer Zeit nicht, dass Menschen zweifeln. Sondern dass sie gar nicht mehr fragen. Und trotzdem glaube ich: Der Mensch wird auch in Zukunft an Gott glauben. Vielleicht anders als früher. Weniger selbstverständlich. Weniger kirchlich. Weniger traditionell. Aber die Sehnsucht bleibt.Die Sehnsucht nach Sinn. Nach Liebe. Nach Hoffnung. Nach einem Grund, der trägt.
Solange Menschen lieben, solange Menschen staunen, solange Menschen hoffen, solange Menschen fragen, wird die Frage nach Gott nicht verschwinden. Denn Gott ist näher, als wir denken. Nicht über den Wolken. Nicht irgendwo im Universum.Sondern mitten im Leben. In der Liebe, die verbindet. In der Wahrheit, die befreit. Im Geist, der bewegt. Oder, wie es der heilige Augustinus einmal gesagt hat: „Du warst innen, ich aber war draußen und suchte dich dort.“ Das ist die Botschaft des heutigen Festes: Gott ist kein Problem, das gelöst werden muss. Gott ist ein Geheimnis, in das man hineinleben darf. Und vielleicht ist Gott erkennen manchmal viel einfacher als wir denken.
Ein alter Rabbi fragte seine Schüler:
„Wann endet die Nacht und wann beginnt der Tag?“ Die Schüler überlegten.
Einer sagte: „Wenn man in der Ferne einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann.“
„Nein“, sagte der Rabbi.
Ein anderer meinte: „Wenn man einen Olivenbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann.“
„Nein“, sagte der Rabbi wieder.
Da fragten die Schüler: „Wann beginnt denn der Tag?“
Der alte Rabbi antwortete: „Der Tag beginnt in dem Augenblick, in dem du in das Gesicht eines Menschen schaust
und in ihm deinen Bruder oder deine Schwester erkennst. Solange du das nicht kannst, ist es noch Nacht – ganz gleich,
wie hell die Sonne scheint.“
Vielleicht gilt das auch für Gott.
Vielleicht erkennen wir Gott nicht zuerst in theologischen Büchern.
Nicht in komplizierten Dogmen. Nicht in fertigen Antworten. Sondern dort, wo Menschen einander ansehen und Würde erkennen.
Wo Vergebung stärker wird als Hass.
Wo Hoffnung größer bleibt als Angst.
Wo Liebe geschieht.
Dort beginnt etwas von Gott aufzuleuchten.
Menschen werden auch in Zukunft an Gott glauben, nicht weil sie ihn beweisen können, sondern weil sie ihn erfahren. In Menschen. Im Leben. In der Liebe. Denn Gott ist nicht verschwunden. Er wartet darauf, entdeckt zu werden.
Seien Sie gesegnet im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Bernd Michael Pawellek