6. Ostersonntag (Lesejahr A) (10.05.2026)
Mehr Wind als Staub
EVANGELIUM
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. (Johannes 14,15-21)
Liebe Schwestern und Brüder,
manchmal merkt man erst, wie wichtig jemand ist, wenn er oder sie nicht mehr da ist.
Wenn die Mutter nicht mehr ruft: „Hast du alles eingepackt?“ Wenn niemand mehr sagt:
„Zieh dir eine Jacke an.“ Wenn keiner mehr fragt: „Bist du gut angekommen?“ Wenn niemand mehr spürt, dass etwas nicht stimmt, obwohl man selbst sagt: „Alles okay.“
Mütter haben oft diesen siebten Sinn. Sie merken, was fehlt. Sie sehen, was andere übersehen. Sie halten aus, was andere nicht aushalten. Sie bleiben, wenn andere längst gegangen sind.
Natürlich: Nicht jede Muttergeschichte ist einfach. Nicht jede Beziehung ist heil. Muttertag kann auch weh tun. Weil jemand fehlt. Weil manches offengeblieben ist. Weil Liebe manchmal auch brüchig war.
Aber ursprünglich war der Muttertag nicht als Kitsch-Tag mit Blumen und Pralinen gedacht. Er war einmal ein Tag des Friedens. Ein Tag, an dem Frauen und Mütter gesagt haben: Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in Kriegen sterben. Wir wollen Leben schützen. Wir wollen Frieden. Wir wollen Zukunft.
Und genau da trifft dieser Muttertag heute mitten hinein ins Evangelium.
Jesus sagt zu seinen Freunden: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“
Jesus weiß: Er wird gehen. Die Jünger spüren: Da bricht etwas weg. Der, der ihnen Halt gegeben hat, wird nicht mehr so greifbar sein wie vorher. Der, der Fragen beantwortet hat, wird nicht mehr einfach neben ihnen am Tisch sitzen. Der, der ihnen den Weg gezeigt hat, wird nicht mehr sichtbar vorausgehen.
Und mitten in diese Angst hinein sagt Jesus: Ihr bleibt nicht allein. Ihr werdet nicht verwaist.
Ihr werdet nicht gottlos, trostlos, kraftlos zurückgelassen.
„Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.“ Einen Beistand. Nicht einen frommen Gedanken. Nicht eine religiöse Dekoration. Nicht eine kirchliche Duftkerze für schwere Stunden. Sondern einen Beistand.
Einen, der mitgeht. Einen, der stärkt. Einen, der wachrüttelt. Einen, der tröstet. Einen, der Feuer macht. Einen, der lüftet, wenn alles stickig geworden ist. Der Heilige Geist. Herzlich willkommen. Die Osterzeit ist fast durch. Es geht auf Pfingsten zu.
Und wie viel Heiliger Geist ist eigentlich in meinem Leben unterwegs?
Oder anders gesagt: Ist bei mir mehr Wind als Staub?
Denn das ist das Motto unserer diesjährigen Pfingstnovene: „Mehr Wind als Staub.“
von Himmelfahrt bis Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes.
Ich finde das großartig. Denn Staub kennen wir genug.
Staub liegt da, wo sich nichts mehr bewegt. Staub sammelt sich dort, wo Fenster zu lange geschlossen bleiben. Staub setzt sich auf Dinge, die einmal wichtig waren, aber nicht mehr berührt werden. Staub steht für Stillstand. Für alte Gewohnheiten. Für fromme Müdigkeit.
Für Sätze wie: „Das war immer so.“ „Das bringt doch nichts.“ „Da kann man nichts machen.“
„Die Kirche wird sowieso kleiner.“ „Die Welt ist halt so.“ „Ich bin halt so.“
Staub ist das große Lieblingsmaterial der Resignation. Und dann kommt Jesus und verspricht nicht Staub.
Jesus verspricht Geist. Wind. Atem. Bewegung. Kraft. Wahrheit. Trost.
Der Heilige Geist ist Gottes frische Luft in geschlossenen Räumen.
Und ehrlich: Davon brauchen wir eine Menge.
In der Kirche. In unseren Gemeinden. In unseren Familien. In der Welt. Und auch im eigenen Herzen. Denn manchmal ist innen drin auch ziemlich viel Staub.
Jesus sagt: Ich bitte den Vater. Er gibt euch den Beistand. Den Geist der Wahrheit.
Den Geist, der bleibt. Dieses Wort „Beistand“ ist im Griechischen viel größer als unser deutsches Wort. Da steht: Paraklet. Das heißt wörtlich: der Herbeigerufene.
Einer, den man rufen darf. Einer, den man herbeirufen soll. Einer, der nicht beleidigt ist, wenn man ihn braucht. Einer, der nicht sagt: „Jetzt kommst du auch mal wieder.“ Einer, der sich rufen lässt.
Nicht kompliziert. Nicht hochtheologisch. Nicht mit Weihrauchwolken im Badezimmer.
Einfach: Komm, Heiliger Geist. Heute brauche ich dich. Mach mich wach. Mach mich ehrlich.
Mach mich liebevoll. Mach mich mutig. Mach mehr Wind als Staub in mir.
Das reicht manchmal schon.
Jesus nennt diesen Beistand den Geist der Wahrheit. Und Wahrheit brauchen wir.
Wir leben in einer Zeit, in der viel geredet wird, aber nicht alles wahr ist. In der Meinungen oft lauter sind als Fakten. In der Menschen sich ihre eigene Wirklichkeit basteln. In der man mit ein paar Klicks belogen, manipuliert, aufgestachelt und müde gemacht werden kann.
Aber die gefährlichsten Lügen sind oft nicht die im Internet. Die gefährlichsten Lügen sind die, die man sich selbst erzählt.
„Ich bin nicht wichtig.“
„Ich kann nichts ändern.“
„Ich bin nur noch meine Fehler.“
„Ich bin nicht liebenswert.“
„Mit mir kann Gott nichts anfangen.“
„Bei mir ist sowieso alles zu spät.“
Und der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Er sagt nicht immer das, was angenehm ist.
Aber er sagt das, was frei macht. Er zeigt mir auch, wo ich mir etwas vormache.
Wo ich mich hinter Fassade verstecke.
Wo ich fromm rede, aber hart bin.
Wo ich Liebe sage, aber Kontrolle meine.
Wo ich Frieden will, aber selber Öl ins Feuer gieße.
Wo ich Gott bitte, etwas zu ändern, aber mich selbst nicht bewegen lasse.
Er ist heilsam.
Er deckt auf, nicht um bloßzustellen.
Er leuchtet hinein, nicht um zu verbrennen.
Er zeigt die Wunde, nicht um sie größer zu machen, sondern damit Heilung möglich wird.
Und deshalb ist der Paraklet auch Anwalt und Fürsprecher.
Er steht für dich ein. Er ist der göttliche Beistand.
Der Geist sagt: „Steh auf.“
„Da geht noch was.“
„Gott ist näher, als du denkst.“
Herzlich willkommen!
Wir sind auf dem Weg zu Himmelfahrt und zur Landebahn des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist ist Wind, aber kein Überfallkommando. Er will kommen.
Aber er wartet auf offene Fenster. Habe ich noch Fenster? Oder ist alles dicht?
Alles fertig? Alles verstaubt? Alles festgelegt?
Die Pfingstnovene, die vor uns liegt, ist darum kein frommes Zusatzprogramm für besonders Kirchliche. Sie ist eine Einladung zum Lüften. Neun Tage lang: Fenster auf. Herz auf. Leben auf. Nicht: Wir machen noch ein paar schöne Gottesdienste. Sondern: Wir rufen den Heiligen Geist.
Für unsere Kirche. Für unsere Gemeinden. Für unsere Familien.
Für junge Menschen. Für Alte. Für Mütter und Väter.
Für alle, die müde geworden sind. Für alle, die glauben wollen, aber gerade nicht können.
Für alle, die nur noch funktionieren. Für alle, die sagen: In mir ist mehr Staub als Wind.
Komm, Heiliger Geist.
Mach in mir mehr Wind als Staub
und segne uns.
Bernd Michael Pawellek