Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 27. Sonntag im Jahreskreis (04.10.2026) von Bernd Michael Pawellek.

27. Sonntag im Jahreskreis

Nicht Meins, aber mir anvertraut

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen? Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt. (Mt 21,33-44)

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen Sie sich einmal vor: Sie leihen jemandem etwas, das Ihnen wirklich wichtig ist. Nicht irgendeinen alten Gegenstand aus dem Keller. Sondern etwas Wertvolles. Vielleicht Ihr Auto. Vielleicht Ihr Haus. Vielleicht etwas, an dem Erinnerungen hängen. Und Sie sagen: „Pass gut darauf auf.“ Und irgendwann kommen Sie zurück. Und der andere sagt: „Wieso zurückgeben? Das gehört jetzt mir.“ Da würden wir vermutlich ziemlich deutlich werden.

Und genau davon erzählt Jesus heute.

Ein Mann legt einen Weinberg an. Er investiert. Er pflanzt. Er baut einen Zaun. Er gräbt eine Kelter. Er errichtet sogar einen Turm. Dann vertraut er diesen Weinberg anderen Menschen an. Und irgendwann möchte er die Früchte bekommen. Eigentlich selbstverständlich. Aber die Pächter benehmen sich plötzlich so, als würde ihnen alles gehören.

Der Weinberg. Die Ernte. Die Zukunft. Und sogar über den Sohn des Besitzers sagen sie: „Das ist der Erbe. Kommt, wir bringen ihn um, dann gehört das Erbe uns.“

Eine ziemlich brutale Geschichte. Und trotzdem steckt darin eine Frage, die gerade heute am Erntedankfest erstaunlich aktuell ist: Wem gehört eigentlich das alles?

Die Erde. Unser Besitz. Unsere Fähigkeiten. Unsere Zeit. Unser Leben. Wir leben heute in einer Welt, in der uns ständig gesagt wird: Das ist dein Leben. Dein Geld. Deine Entscheidung. Deine Zeit. Dein Körper. Deine Karriere. Dein Erfolg. Und natürlich haben wir Verantwortung für unser Leben. Aber der Glaube setzt noch einen Satz davor: Du hast dein Leben nicht selbst gemacht. Du hast es empfangen. Keiner von uns hat irgendwann gesagt: „So, jetzt möchte ich geboren werden.“ Keiner hat sich seine ersten Atemzüge verdient. Keiner hat Sonne, Regen, Erde und Wasser erfunden. Keiner hat dafür gesorgt, dass aus einem winzigen Korn irgendwann Brot werden kann.

Und deshalb ist Erntedank viel mehr als ein schöner Gottesdienst mit Kürbissen, Äpfeln und Getreide.

Erntedank stellt eine ziemlich grundsätzliche Frage: Lebe ich als Besitzer – oder als Beschenkter? Das ist ein Unterschied. Ein Besitzer sagt: Das gehört mir. Ein Beschenkter sagt: Das ist mir anvertraut. Und hierin genau liegt eine der großen geistlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wir haben unglaublich viel. Unsere Kühlschränke sind voll. Unsere Supermärkte sowieso. Wir können Erdbeeren im Winter kaufen und Spargel aus Peru. Mit wenigen Klicks bestellen wir Dinge, von denen wir gestern noch gar nicht wussten, dass wir sie brauchen. Und gleichzeitig leben wir auf einer Erde, deren Ressourcen begrenzt sind. Lebensmittel werden weggeworfen. Menschen arbeiten für Löhne, von denen sie kaum leben können. An manchen Orten fehlt Wasser. An anderen wird täglich tonnenweise Essen entsorgt.

Erntedank heißt deshalb nicht nur: „Lieber Gott, danke für die schöne Ernte.“ Erntedank heißt auch: „Was mache ich eigentlich mit dem, was du mir anvertraut hast?“ Denn genau darum geht es im Evangelium. Gott sucht Früchte. Nicht, weil Gott etwas von uns bräuchte. Sondern weil das, was er uns schenkt, Frucht bringen soll. Aus Besitz kann Teilen werden. Aus Zeit kann Zuwendung werden. Aus Begabung kann Hilfe werden. Aus Geld kann Verantwortung werden. Aus Glauben kann Hoffnung werden. Aus einem Menschen, der sich geliebt weiß, kann ein Mensch werden, der andere lieben kann.

Gott sucht Früchte. Das klingt zunächst ein bisschen streng. Aber ich glaube: Eigentlich ist es etwas Großartiges. Denn Gott sagt damit: Ich traue dir etwas zu. Ich gebe dir einen Weinberg. Dein Leben. Deine Möglichkeiten. Deine Beziehungen. Deine Zeit. Diese Welt.  Und ich glaube daran, dass daraus etwas wachsen kann.

Vielleicht verstehen wir von hier aus auch den Oktober als Rosenkranzmonat ein wenig neu. Der Rosenkranz wirkt für manche Menschen ja zunächst wie etwas aus einer anderen Zeit. Immer dieselben Worte. Gegrüßet seist du, Maria … wieder und wieder. Aber vielleicht ist der Rosenkranz gerade das Gegenteil von dem, was unsere hektische Welt ständig von uns verlangt. Wir müssen beim Rosenkranz nichts produzieren. Nichts leisten. Nichts optimieren. Wir dürfen ein Wort nach dem anderen durch die Hände gleiten lassen. Und dabei auf das Leben Jesu schauen. Mit den Augen Marias. Auf Freude. Auf Leid. Auf Hoffnung. Auf Tod. Auf neues Leben. Maria ist dabei vielleicht gerade deshalb eine so gute Begleiterin, weil sie niemals sagt: „Das ist alles mein Verdienst.“ Ihr Leben beginnt mit einem anderen Satz: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Anders gesagt: Mein Leben gehört nicht nur mir. Ich vertraue es Gott an. Das ist eine der tiefsten Formen des Glaubens.

Wir könnten diesen Erntedanksonntag deshalb einmal ganz persönlich feiern. Nicht nur vor dem geschmückten Altar. Sondern mit einer kleinen inneren Bestandsaufnahme. Was ist mir anvertraut? Vielleicht ein Mensch. Ein Kind. Eine Familie. Eine Freundschaft. Eine Aufgabe. Eine Begabung. Vielleicht Geld. Vielleicht Zeit. Vielleicht eine Gemeinde. Vielleicht ein Stück Verantwortung. Und dann die Frage: Welche Frucht wächst daraus? Ich muss nicht der Besitzer der Welt sein. Ich darf Beschenkter sein. Ich darf dankbar sein. Ich darf weitergeben. Und ich darf darauf vertrauen: Der Weinberg gehört Gott. Die Erde gehört Gott. Mein Leben gehört Gott. Und meine Aufgabe ist nur: etwas Gutes darin wachsen zu lassen. Amen.

Gott segne Sie.
Bernd Michael Pawellek