Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft zum 29. Sonntag im Jahreskreis (18.10.2026) von Bernd Michael Pawellek.

29. Sonntag im Jahreskreis

Was bekommt Gott von mir?

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denár hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!. (Mt 22,15-21)

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Post vom Finanzamt kommt, wird es für einen Augenblick still am Küchentisch. Man öffnet den Brief und sucht ziemlich zügig die entscheidende Zahl: Bekomme ich etwas zurück? Oder muss ich nachzahlen? Das Finanzamt hat klare Vorstellungen davon, was ihm zusteht. Es gibt Formulare, Fristen und einen Bescheid. Und wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich nachfragen. Ob mir die Antwort gefällt, ist eine andere Sache.

Bei Gott ist das schwieriger.

Er schickt keinen Jahresbescheid. Keine Aufstellung: So viel Leben hast du bekommen, so viel Liebe empfangen – daraus ergibt sich folgende Forderung. Und dann sagt Jesus heute diesen Satz: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Beim Kaiser können wir uns etwas darunter vorstellen. Aber was bekommt Gott? Was erwartet er konkret von mir?

Zunächst geht es im Evangelium tatsächlich ums Steuernzahlen. Um Geld, das Menschen hart erarbeitet haben und nur ungern abgeben. Noch dazu an eine Besatzungsmacht. Die Römer bestimmen im Land, und die Bevölkerung muss ihre Herrschaft auch noch mitfinanzieren. Darum ist die Frage an Jesus so brisant: Darf man dem Kaiser Steuern zahlen? Ein Ja kann ihn bei den eigenen Leuten unmöglich machen. Ein Nein kann ihn bei den Römern ins Gefängnis bringen. Jesus lässt sich eine Münze zeigen. Darauf ist das Bild des Kaisers. Gebt ihm, was ihm zusteht. Jesus ruft hier nicht zur Steuerverweigerung auf. Der Glaube entbindet uns nicht von unserer Verantwortung für das Zusammenleben.

Auch heute werden Schulen, Straßen, Feuerwehr und vieles andere aus öffentlichen Mitteln bezahlt. Darüber, wie dieses Geld verwendet wird, darf und muss gestritten werden. Trotzdem bleibt die Pflicht, den eigenen Beitrag ehrlich zu leisten. Man kann sonntags für eine gerechte Welt beten und montags überlegen, welche Einnahmen man am besten verschweigt. Das passt schlecht zusammen. Christlicher Glaube betrifft auch die  Steuererklärung. Doch Jesus fügt hinzu: „Und Gott, was Gott gehört.“ Damit stellt er eine Frage, die sich mit einer Überweisung nicht erledigen lässt.

Was steht Gott in meinem Leben zu?

Die erste Antwort klingt groß: alles. Mein ganzes Leben. Aber was heißt das am Montagmorgen, wenn der Wecker klingelt, die Arbeit wartet und schon beim Frühstück die erste schlechte Nachricht kommt? Es heißt zunächst: Gott darf in meinem Leben vorkommen. Er darf mich ansprechen. Er darf meine Entscheidungen beeinflussen. Wir behandeln ihn gelegentlich wie einen Handwerker für seelische Notfälle. Solange alles läuft, brauchen wir keinen Termin. Wenn etwas zusammenbricht, soll er möglichst sofort kommen. Das Gebet in der Not ist gut. Jesus lädt uns ausdrücklich dazu ein. Aber eine Beziehung lebt auch davon, dass wir uns im gewöhnlichen Alltag Zeit füreinander nehmen. Gott etwas von meiner Zeit geben: Das kann morgens ein ehrlicher Satz sein. „Ich habe heute viel vor. Hilf mir, dabei keinen Menschen zu übersehen.“ Das kann heißen, am Sonntag tatsächlich Raum für den Gottesdienst zu schaffen. Oder abends einmal still zu werden und sich zu fragen: Wofür bin ich dankbar? Wo bin ich jemandem etwas schuldig geblieben? Wer immer wartet, bis Zeit übrig ist, wird für Gott selten Zeit finden. Dann erwartet Gott meine Wahrhaftigkeit. Er weiß ohnehin, wie es um mich steht. Ich muss vor ihm keine glänzende Bilanz vorlegen. Aber ich muss bereit sein, ehrlich hinzusehen. Da ist der Streit, bei dem ich längst weiß, dass meine Worte verletzend waren. Ich erzähle trotzdem zum fünften Mal, warum ich im Recht bin. Da ist ein Fehler bei der Arbeit. Ich könnte ihn zugeben. Stattdessen lasse ich zu, dass ein anderer dafür geradesteht. Da ist eine Gewohnheit, die mir und anderen schadet. Ich habe inzwischen eine ganze Sammlung guter Ausreden dafür.

Gott geben, was Gott gehört, kann dann ein sehr kurzer Satz sein: „Es tut mir leid. Ich war es. Ich will es ändern.“ Das kostet Überwindung. Aber genau dort beginnt Umkehr. Und schließlich erwartet Gott, dass seine Liebe durch mich einen Menschen erreicht. Damit sind wir wieder bei der Münze. Sie trägt das Bild des Kaisers. Die Bibel sagt vom Menschen, dass er Gottes Bild trägt. Wer Gott geben will, was Gott gehört, wird deshalb auf den Menschen neben sich achten müssen. Auf den Partner, der seit Wochen versucht, etwas Wichtiges anzusprechen, während ich weiter auf mein Handy schaue. Auf die Mutter, deren Anruf ich ständig verschiebe. Auf den Kollegen, über den alle lachen und dem niemand beisteht. Auf den Menschen in Not, für den mein Mitgefühl erst dann hilfreich wird, wenn ich tatsächlich etwas teile. Ja, dabei geht es auch um Geld.

Wir können unsere Großzügigkeit so lange geistlich erklären, bis sie uns keinen Euro mehr kostet. Aber Lebensmittel, eine warme Wohnung und eine Schuldnerberatung lassen sich nicht mit guten Wünschen bezahlen. Was kann ich geben? Was brauche ich selbst? Auf welchen Komfort könnte ich verzichten, damit ein anderer etwas Lebensnotwendiges bekommt? Diese Fragen kann mir kein allgemeiner Betrag abnehmen. Sie verlangen eine ehrliche Antwort.

Und nun könnte man denken: Das ist aber eine Menge. Zeit, Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit, Geld. Hat Gott denn immer noch eine Forderung? Hier müssen wir genau hinsehen. Gottes Liebe ist längst da, bevor ich etwas vorweisen kann. Jesus geht zu den Menschen, die mit ihrem Leben in Schwierigkeiten geraten sind. Er setzt sich mit ihnen an einen Tisch. Er eröffnet ihnen einen neuen Anfang. Seine Zuwendung geht ihrer Veränderung voraus. Und gerade diese Zuwendung macht Veränderung möglich. Ich muss mir Gottes Liebe nicht verdienen. Ich darf auf sie antworten. Deshalb lautet die Frage dieser Woche: Wo steht meine Antwort noch aus? Bei einer Entschuldigung? Bei einer ehrlichen Entscheidung? Bei einem Besuch? Bei einer Hilfe, die ich schon lange vorhabe? Suchen Sie sich eine Sache aus. Eine konkrete Sache. Und tun Sie sie. Der Steuerbescheid nennt einen Betrag und eine Frist. Gott stellt mir einen Menschen vor die Augen.

Und wartet auf meine Antwort
und segne uns alle.

Bernd Michael Pawellek