Ein Wort für dich

EIN WORT FÜR DICH – Gedanken zur frohen Botschaft am 4. OSTERSONNTAG von Bernd Michael Pawellek.

5. Ostersonntag (Lesejahr A) (03.05.2026)

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

EVANGELIUM
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und wer de euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater. (Johannes 14,1-12)

„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Das ist einer dieser Sätze Jesu, die viele Menschen kennen. Oft wird er bei Beerdigungen gehört. In Stunden des Abschieds. Dann, wenn ein Mensch fehlt und kein Wort mehr stark genug scheint, die Lücke zu füllen. Und doch ist dieser Satz mehr als ein Trostwort für den Friedhof. Er ist eine Verheißung. Ein Gegenbild gegen die Angst. Ein Fenster in eine Wirklichkeit, die größer ist als alles, was der Mensch greifen kann.

Da klingt Heimat auf. Ankommen. Geborgenheit. Ein Ort, an dem niemand mehr kämpfen muss, um da sein zu dürfen. Ein Raum, in dem der Mensch nicht mehr beweisen muss, dass er wertvoll ist. Ein Zuhause, in dem Gott nicht fragt: Was hast du geleistet? Was hast du geschafft? Was ist aus dir geworden?

Du bist da. Du bist erwartet. Das ist eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen: erwartet zu sein. Nicht nur geduldet. Nicht nur gebraucht. Nicht nur bewertet. Nicht nur willkommen, solange man funktioniert. Sondern erwartet.

Jesus spricht diesen Satz am Abend vor seinem Tod. Er redet nicht aus sicherer Entfernung.
Er redet nicht wie einer, der Leid nur theoretisch kennt. Er spricht in die Angst seiner Jünger hinein. In ihre Verunsicherung. In ihren Abschied. In dieses Gefühl: Jetzt bricht alles auseinander.

Und genau da sagt er: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“

Das ist kein billiger Trost. Kein religiöses Beruhigungsmittel. Kein frommer Satz über eine dunkle Wirklichkeit. Es ist ein Wort gegen den inneren Absturz. Denn verwirrt ist ein Herz, wenn es nicht mehr weiß, wohin. Wenn der Boden nicht mehr trägt. Wenn die Zukunft nur noch Nebel ist. Wenn der Tod stärker scheint als die Liebe. Wenn der Glaube nicht mehr Antwort ist, sondern Frage. In diese Verwirrung hinein sagt Jesus: Es gibt ein Haus. Es gibt einen Vater. Es gibt einen Platz. Und dieser Platz ist nicht zufällig frei. Er ist bereitet. „Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“ Jesus geht nicht fort, um zu verschwinden. Er geht voraus. Er geht nicht weg von den Menschen. Er geht hinein in Gottes Wirklichkeit. Er lässt die Seinen nicht zurück, um sie ihrem Schicksal zu überlassen. Er öffnet ihnen Zukunft.

Und dann steht die große Frage im Raum: Wie wird dieses Haus aussehen? Die Kirche hat dafür starke Bilder gefunden.

„Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land.“

Ein Haus voller Glanz. Ein Haus voller Licht. Ein Haus, das bleibt, wenn alles andere wankt. Doch das Haus des Vaters ist nicht einfach ein himmlischer Palast mit goldenen Türen und glänzenden Zimmern. Solche Bilder tragen eine Sehnsucht. Aber sie reichen nicht. Das Haus des Vaters ist Gott selbst. Es ist die Geborgenheit in seiner Liebe. Es ist das endgültige Aufgehobensein. Es ist die Vollendung dessen, was hier oft nur bruchstückhaft gelingt. In diesem Haus bleibt alles bewahrt, was aus Liebe gelebt wurde: jede Träne, jedes gute Wort, jede stille Treue, jedes vergebliche Ringen, jede Liebe, die niemand gesehen hat. Im Haus des Vaters geht nichts verloren, was aus Liebe getan wurde. Ewigkeit ist nicht eine endlose Verlängerung der Zeit. Ewigkeit ist erfüllte Gegenwart.

Jesus bereitet einen Platz. Nicht irgendeinen Platz. Nicht einen anonymen Platz in einer riesigen Menge. Nicht eine Nummer im Himmel. Einen Platz für dich. Der Mensch ist vor Gott nicht austauschbar. Nicht ersetzbar. Nicht einer unter vielen, bei dem es am Ende nicht darauf ankommt. Jeder Mensch hat vor Gott eine eigene Gestalt. Eine eigene Geschichte. Einen Klang. Eine Wunde. Eine Sehnsucht. Einen eigenen Namen. Der Platz, den Jesus bereitet, ist der Ort, an dem das eigene Leben endlich ganz verstanden wird.

Der Himmel beginnt damit, dass der Mensch ganz gesehen wird – und dennoch ganz geliebt ist. Was heilt tiefer als verstanden zu sein? Was erlöst mehr als ein Blick, der alles sieht und trotzdem liebt?

Doch ist das nicht Vertröstung auf ein Jenseits?

Diese Frage muss ernst genommen werden. Religion kann missbraucht werden. Sie kann Menschen ruhigstellen. Sie kann sagen: Ertragt alles, später wird es besser. Sie kann Leid verklären und die Erde vernachlässigen. Sie kann vom Himmel reden und dabei die Not der Menschen übersehen. Das ist nicht das Evangelium Jesu. Jesus vertröstet nicht. Jesus eröffnet. Er sagt nicht: Diese Welt ist egal. Er sagt: Diese Welt ist nicht alles. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wer an die Ewigkeit glaubt, nimmt diese Welt nicht weniger ernst, sondern mehr. Denn dann ist jedes Leben heilig. Jeder Mensch unendlich kostbar. Jede Entscheidung bedeutsam. Jede Liebe eine Spur, die bleibt. Der Glaube an das Haus des Vaters ist keine Flucht aus der Welt. Er ist Widerstand gegen die Behauptung, der Tod habe das letzte Wort. Wer auf die Ewigkeit hofft, muss nicht alles festhalten, muss nicht aus Angst leben, muss nicht so tun, als müsse dieses kurze Leben alles leisten, alles erfüllen, alles retten. Die Ewigkeit macht frei. Frei von der Panik. Frei von der Gier. Frei vom Druck. Darum darf es sie geben: die stille Gewissheit:

Ich gehe nicht ins Nichts. Ich falle nicht aus Gottes Hand. Ich werde erwartet. Mein Leben läuft nicht ins Leere. Die Liebe bleibt. Und das nur, weil Jesus der Weg und die Wahrheit und das Leben ist.

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Wer wissen will, wie Gott ist, muss auf Jesus schauen. Auf den, der Kranke berührt. Der Schuldige nicht vernichtet. Der Kinder in die Mitte stellt. Der Weinende sieht. Der Ausgestoßene zurückholt. Der den Mächtigen widerspricht. Der am Kreuz nicht hasst. Der aufersteht und als erstes Frieden sagt. Das ist der Weg. Wahrheit ist bei Jesus das, was den Menschen unverstellt vor Gott stellt. Und der Mensch ist nicht ein Zufallswesen zwischen Geburt und Grab. Nicht nur Ergebnis von Leistung, Herkunft, Erfolg oder Scheitern. Der Mensch ist Kind Gottes. Es geht nicht bloß ums Überleben. Ums Funktionieren. Ums Atmen, Arbeiten, Altern. Leben im Sinn Jesu ist Beziehung zu Gott. Es kommt aus der Liebe und kehrt in die Liebe zurück.

Im Haus des Vaters ist Platz.
Auch für dich. Auch für mich.
Bereitet von Christus.
Geöffnet durch Ostern.
Erfüllt von jener Liebe, die stärker ist als der Tod.

Mögen wir auch an diesem Sonntag
vom Auferstandenen
und seinem Frieden gesegnet sein.

Bernd Michael Pawellek